europe-v-facebook.org

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Das 2004 gegründete Social Network Facebook wurde lange Zeit als nette Spielerei belächelt. Zehn Jahre später wird das Unternehmen in einem Atemzug mit Amazon oder Google genannt, wenn es um die Dominanz im Netz und die schiere Masse an Nutzern geht. Facebook wurde im Juni 2014 von monatlich 1,32 Milliarden Menschen aktiv genutzt. Hinzu kommt, dass der für sich genommen marktbeherrschende Messaging-Dienst WhatsApp (mit mindestens 600 Millionen aktiven Nutzern) seit Kurzem ebenfalls zum Unternehmen rund um Mark Zuckerberg gehört, genau wie der Foto-Sharing-Dienst Instagram mit abermals über 300 Millionen aktiven Nutzern. Dass sich Facebook seinen Status als Kommunikations-Monopol nicht streitig machen lassen will, wird somit allein durch die Tatsache klar, dass für das Unternehmen potentiell gefährliche, da aufstrebende, Mitbewerber kurzerhand geschluckt werden.

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Foto: paz.ca via photopin cc

Doch wie verdient Facebook eigentlich mit einem Dienst Geld, den du völlig kostenlos nutzen kannst? Ganz einfach: Mit deinen Daten. Ähnlich wie Google, ist Facebook darauf spezialisiert, möglichst viele Informationen über dich zu sammeln und die einzelnen Info-Häppchen zu einem Gesamtprofil zusammenzufügen. Dieses Know-how ist für Werbetreibende Gold wert, da sich Anzeigen so bis ins kleinste Detail auf potentielle Interessenten zuschneidern lassen – und spätestens seit dem Börsengang des Unternehmens steht fest, dass das daraus resultierende Aktienergebnis deutlich mehr zählt als die Wünsche kritischer User. Doch die Problematik wurzelt noch deutlich tiefer als bloß in der Missachtung von Nutzervorlieben, denn auch geltendes EU-Recht wird von einem US-Unternehmen wie Facebook eher belächelt als wirklich ernst genommen.

Kampf gegen digitale Windmühlen?
Damit sich am Vorgehen des Giganten Facebook etwas ändert, wurde im Jahr 2012 der Verein europe-v-facebook.org ins Leben gerufen. Initiator ist der österreichische Jurist Max Schrems, der sich als Datenschutzexperte und Buchautor schon seit Jahren mit dem Unternehmen beschäftigt. “europe-v-facebook.org ist ein Netzwerk von Menschen. Die Idee dahinter war am Anfang, die gesammelten Rohdaten einzufordern. Wir haben dann gemeinsam beschlossen, gegen Facebook in Irland Anzeige zu erstatten und zusätzlich Materialien für Interessierte online zu stellen”, erzählt Max über die Anfänge des Vereins.

Als er in den USA studierte und sich dort mit Vertretern von Facebook traf, wurde ihm die völlig andere Mentalität in Bezug auf Datenschutz bewusst, die in den USA im Gegensatz zu Europa herrscht: “Europäische Datenschutz-Bestrebungen werden dort belächelt. Gleichzeitig wirst du als US-Firma nicht richtig bestraft, wenn du dich nicht an EU-Recht hältst.” In Europa hätten wir zwar ein Grundrecht auf Datenschutz und die dahingehenden Gesetze seien sogar in Ordnung, das Problem sei aber, dass diese nicht durchgesetzt würden. “Wir zeigen in Europa gerne mit dem Finger auf die USA und sagen, dass dort die bösen Jungs sitzen; gleichzeitig wollen wir uns die wirtschaftlichen Beziehungen mit ihnen aber nicht verscherzen”, so Max.

Das Problem sei zudem, dass das Thema zu komplex, zu technisch und zu schwierig zu verstehen sei, um für die breite Masse relevant zu sein. Deshalb hat sich der Verein europe-v-facebook auch explizit Facebook ausgesucht, um plastisch zu zeigen, was IT-Unternehmen mit den Daten seiner User machen. “Uns ist es wichtig, dem durchschnittlichen Nutzer zu zeigen, was durch die Verknüpfung einzelner Daten einsehbar wird. Nicht so versierten Leuten fällt da leicht die Kinnlade runter, wenn man ihnen zeigt, dass man durch die Kombination gesammelter Daten theoretisch das Wahlverhalten, die sexuelle Orientierung oder das Einkommen mit einer Wahrscheinlichkeit von bis zu 90 Prozent berechnen kann”, erklärt Max.

 Das Mantra, dass die Leute selbst schuld seien, wenn sensible Daten im Netz auftauchten, oder dass sie ja eh Kontrolle darüber hätten, was sie online stellen, hält Max deshalb für fatal: “In einer Big Data-Welt ist dieses Argument völliger Unsinn. Für den Durchschnitts-Bürger wirken diese Sätze beruhigend und logisch, faktisch sind sie aber nicht argumentierbar. Du musst dir nur anschauen, woher sich Facebook die Daten holt: von deinen Freunden, deinem Smartphone, deinem Computer, von Data-Brokern, wo Daten zugekauft werden, und so weiter. Was du persönlich und wissentlich postest, ist nur ein kleiner Teil von dem, was Facebook über dich sammelt, archiviert und auswertet. Bei der Nutzung von Facebook oder Google-Diensten befindest du dich deshalb in einer de facto betrügerischen Situation. 99 Prozent der Menschen haben nicht die Möglichkeit, sich alles detailliert anzusehen oder zu wissen, welche Mechanismen im Hintergrund aktiv sind. Nicht einmal Uni-Professoren, die Jahrelang an Big Data forschen, können dir sagen, was da genau abläuft und wie die Algorithmen arbeiten.”

Übermächtige Giganten
Für Max Schrems und seine Mitstreiter ist aber nicht nur das Thema Datenschutz ein Problem, auch die zunehmende Monopolbildung in der IT-Branche wird von ihm sehr kritisch wahrgenommen. Apple, Google, Facebook und Co. bauen mit anderen Anbietern inkompatible Systeme auf, die in eigenen Sphären arbeiten und geschlossen funktionieren. In einem Markt, in dem alle IT-Firmen Datenschutz gleich wenig ernst nehmen, wird es immer schwieriger, diesen einzufordern. “Man müsste es in der EU einfach schaffen, geltendes Recht durchzusetzen. Wenn sich Monopolisten wie Facebook an die Gesetze halten würden, wäre alles viel einfacher. Was wir dauerhaft brauchen, ist eine rigorose Anwendung des Kartellrechtes auf Internet-Firmen. Wenn ich aber mit EU-Politikern über das Thema rede, höre ich immer wieder, dass sie zwar in der Stahl-Industrie Monopole ausmachen, das Ganze im Internet jedoch schwieriger zu fassen sei. Da fehlen großteils einfach das nötige Wissen und die entsprechende Sensibilität”, erzählt Max.

Es gibt es jdoch auch gute Nachrichten in Sachen EU-Datenschutzverordnung in Form eines neuen, interessanten Vorschlags: So wird derzeit über eine Strafe in Höhe von zwei bis fünf Prozent des weltweiten Umsatzes bei Nichteinhaltung der Bestimmungen nachgedacht. Derartig drakonische Strafen könnten selbst Konzerne und Monopolisten zum Umdenken bewegen.

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Foto: Ksayer1 via photopin cc

Wie sich Facebook verändern könnte
Social Networks könnten laut Max problemlos auch gesetzeskonform funktionieren: “Wir haben bei jeder Anzeige gegen Facebook immer dazugeschrieben, wie es rechtskonform umzusetzen wäre. Von den 22 Klagen, die wir gegen Facebook eingebracht haben, gibt es bei 21 konkrete Vorschläge, was wie geändert werden sollte.”

Offenbar ist sich Facebook der Schwierigkeiten, mit denen seine Kritiker zu kämpfen haben, aber durchaus bewusst. Laut Max brechen Unternehmen wie Mark Zuckerbergs Social-Riese so massiv geltendes Rechte, dass es tausende Punkte gebe, die man als kritisch denkender und an Datenschutz interessierter Mensch beanstanden könne. “Wir haben in Irland ja nur 22 Anzeigen gegen die gröbsten Verstöße eingebracht. Wir könnten locker 150 weitere Anzeigen raushauen, nur fehlt uns dazu die Zeit”, erklärt Max. Es gibt aber durchaus auch Fortschritte zu verkünden: So hat Facebook aufgrund von Klagen in Irland die im vergangenen Jahr eingeführte Gesichtserkennung auf geposteten Fotos weltweit (außer in den USA) wieder deaktiviert. “Teilweise wurde sie aber hinterher wieder eingeführt. Das ist ein typisches Beispiel für einen Schritt nach vorn, zwei Schritte zurück„, so Max.

Neben einer rigorosen Umsetzung von geltendem EU-Recht könnte auch ein offener Social Network-Standard ein brauchbarer Lösungsansatz sein. Max schweben untereinander kompatible, soziale Profile vor, die sich mit beliebigen Diensten verbinden und nutzen lassen. “Technisch wäre das problemlos umsetzbar, es gibt jetzt zahlreiche Protokolle für die Umsetzung von offenen Sozialen Netwerken. Auf EU-Ebene könnte so etwas beispielsweise sehr einfach per Verordnung gefordert werden, das wäre theoretisch kein Problem”, so Max.

Wie geht es weiter?
Auf der Webseite www.fbclaim.com haben 25.000 Menschen eine Sammelklage gegen Facebook eingebracht. Dazu gibt es laut Max auch schon eine Antwort von Facebook: “In der Antwort sagen sie, dass alle Vorwürfe von uns illegal, böse und gemein seien. Realistisch gesehen wird sich die Sache mehrere Jahre hinziehen, aber darauf haben wir uns von Anfang an eingestellt.” Die Sammelklage selbst ging übrigens aus vorherigen Klagen hervor; es wurde lediglich die Option hinzugefügt, dass andere Leute sich daran beteiligen können. Die Macher haben aber nicht mit der rasenden Verbreitung der Abtretungs-App gerechnet: “Ein Freund von mir hat die App an einem Abend programmiert und wir haben angenommen, dass ein paar Leute mitmachen werden. Im Endeffekt wurde das Ganze unglaublich schnell viral. Wir mussten alles privat managen, weswegen wir nach sechs Tagen dann bei 25.000 Leuten die Grenze gezogen haben. Anfangs sind wir davon ausgegangen, dass nach zwei Jahren vielleicht 10.000 mitmachen würden.”

Text: Raphael Schön, Titelfoto: mkhmarketing via photopin cc



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