Lunzers Maß-Greißlerei

Andrea Lunzer


Wer heutzutage noch einen Greißler um die Ecke hat, der kann sich glücklich schätzen. Diese kleinen, charmanten Läden, in denen auf einer vergleichsweise kleinen Fläche (bis zu 250 m2) Lebensmittel vertrieben werden, sind mittlerweile zum Großteil dem sogenannten Greißlersterben zum Opfer gefallen. Für diese persönliche Geschäftsform ist es hart, gegen die unzähligen Supermarktketten anzukommen.

Dennoch gibt es Menschen, die Mut und die nötige Ideologie haben, auch heutzutage noch als Greißler zu bestehen. Einer dieser Menschen ist Andrea Lunzer. Im Jänner diesen Jahres hat sie auf der Heinestraße 35 im zweiten Wiener Gemeindebezirk eine Greißlerei eröffnet. Das Besondere daran? Es gibt keine Verpackungen, man selbst entscheidet, wovon man wie viel nimmt, und es gibt ausschließlich Bio-Lebensmittel. Somit ist Lunzers Maß-Greißlerei die erste ihrer Art. Hier kann man nach Maß und Bedarf einkaufen und somit vermeiden, Lebensmittel, die es sonst nur in Großpackungen gibt (wie beispielsweise Knoblauch), zu verschwenden. Das Schöne ist, dass ihr Konzept aufgeht. In dem mit Liebe eingerichteten Lokal ist immer etwas los und die Idee begeistert die Menschen so sehr, dass sie sogar aus den Bundesländern anreisen.

lg_jfuchs61

Die Auswahl an Produkten ist überraschend vielfältig und man kann hier Dinge finden, von denen man vielleicht nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Wir haben es uns mit Andrea im kleinen Café, das zum Laden gehört, gemütlich gemacht und mit ihr über ihre Greißlerei gesprochen.

Wie bist du auf die Idee gekommen, ein Geschäft zu eröffnen, das ohne Verpackungen auskommt?
Andrea Lunzer: Ich habe selber im Marketing für eine Bio-Lebensmittelmarke gearbeitet und war dort für die Verpackungen zuständig. Danach habe ich mich mit Verpackungsberatung selbständig gemacht. Ich wollte produzierende oder handelnde Unternehmen, welche die Verantwortung für Verpackungen haben, beraten, um so eine Veränderung herbeizuführen, weil es eben nicht so abläuft, wie es sollte. Zum Beispiel wurde Biogemüse auf hohem Standard vertrieben und dann wurde es in Plastik eingewickelt. Dann war es aber so, dass viele Unternehmen Interesse bezüglich Verpackungen und Umweltfreundlichkeit zeigten, aber sie wollten alle eine schnelle Lösung bei wenig Aufwand, um dann auf die Website schreiben zu können, dass sie super ökonomisch sind. Das war sehr frustrierend – sowohl für mich persönlich wie auch aufgrund der Tatsache, dass man als Berater nichts verändern kann. Man kann jemandem einen Vorschlag machen, aber wenn man etwas verändern möchte, muss man es selber machen. Zur gleichen Zeit, als mir das bewusst wurde, habe ich dieses Lokal hier gefunden. Ich wohne in diesem Haus und früher war hier ein türkischer Supermarkt. Ich war mit dem Besitzer recht gut befreundet; er hat ein neues Lokal in der Wollzeile aufgemacht und dieses hier hergegeben. Ich habe mich sehr schnell dazu entschlossen, das zu machen.

Wann war das? Also wie lange gibt es euch schon?
Wir haben am 25. Jänner dieses Jahres eröffnet. Dass es das Lokal gibt, habe ich im Juni 2013 erfahren. Ich habe dann von heute auf morgen alles liegen und stehen gelassen und angefangen, hier umzubauen.

Hast du beim Umbau vom Lokal viel selber gemacht?
Ich habe das Konzept erarbeitet und sofort eine Vorstellung vom Raum gehabt und dass es in Richtung Greißlerei gehen soll. Ich war mir nicht sicher, ob ich das Wort verwenden möchte, aber ich wollte etwas, das ganz anders aussieht als ein Supermarkt, das ein ganz anderes Einkaufserlebnis bietet, und ich wollte letztendlich auch einen Ort kreieren, der mir selber gefällt, weil ich wusste, dass ich hier sehr viel Zeit verbringen würde. Dann habe ich mir einen Lieferwagen ausgeliehen und bin zwei Wochen lang herumgefahren und habe alte Möbel eingesammelt. Zum Beispiel habe ich hier einen Tisch aus einem Kloster aus dem 19. Jahrhundert, dann ein Regal, das vermutlich aus England ist, und ein altes Bücherregal. Wir haben die Träger freigelegt und die Lampen sind original.

lunzers03

Wie wird eure Ware geliefert? Bekommt ihr die in Verpackungen?
Nein. Also schon, aber in Großpackungen. Bei Obst und Gemüse gibt es de facto keine Verpackungen. Die Branche handelt da mit Steco-Kisten, die Pfandkisten sind. Beim Getreide kaufe ich 10- bis 25-Kilo-Säcke, die hauptsächlich aus Papier bestehen. Plastik ist für große Warenmengen ungünstig und zwischen Handel und Großhandel gibt es auch gar kein Plastik, weil Plastik nur für den Kunden interessant ist, weil er das Produkt sehen muss. Die Öle beziehe ich meistens direkt vom Bauern. Dort werden sie in Tanks gefüllt und ich wiederum fülle sie von dort in meine Behälter. Milch und Joghurt sind in Pfandgläsern und Fruchtsäfte in Pfandflaschen.

Also achtet ihr da schon drauf, bevor es in den Laden kommt.
Ja, das muss auf ganzer Linie passen.

Seht ihr euch in einer Vorreiterrolle und hättet ihr gerne, dass sich dieses Konzept verbreitet?
Ich hatte nicht vor, eine Vorreiterrolle einzunehmen. Es ging mir mehr um den Versuch und ich war während der Konzeptphase noch unsicher, ob das bei den Leuten ankommen würde. Nachdem viele Leute gesagt haben, dass sie das auch machen wollen, kann man schon sagen, dass sich das Konzept durchsetzen wird.

lunzers01

Bist du bei der Eröffnung des Ladens auf Hindernisse gestoßen?
Eigentlich nicht. Ich habe sehr früh mit dem Marktamt Kontakt gehabt, die hätten mir einen Strich durch die Rechnung machen können, indem sie sagten, dass ich meine Ware nicht offen anbieten kann.

Weißt du, wie viel Verpackungsmaterial ihr schon gespart habt?
Nein, leider noch nicht. Natürlich habe ich alles dokumentiert und ich möchte das irgendwann auch herausfinden, aber de facto brauche ich da jemanden, der das berechnet. Ich habe einen Bekannten, der Nachhaltigkeitsbewertungen durchführt und herausfindet, wie viel Verpackungsmaterial man sich erspart.

Wie viel Prozent des Preises macht die Verpackung aus?
Es geht nach Gewicht. Plastik ist zum Beispiel leichter als Papier, was aber nichts über die Umweltauswirkungen des Materials aussagt. Vor allem bei Gewürzen haben wir hohe Verpackungskosten. Somit habe ich hier die günstigsten Bio-Gewürze in ganz Wien, weil ich sie auch in Großgebinden kaufe. Normal werden 40 Gramm Pfefferkörner in einem Plastiksackerl und zusätzlich in einem Karton plus Etikette vertrieben – sehr aufwendig also. Das muss man ja auch in die Kosten einrechnen.

lunzers05

Gibt es Verpackungsmaterialien, die biologisch abbaubar sind?
Was bei der Nachhaltigkeitsbewertung wirklich ins Gewicht fällt, ist die Tatsache, dass man die meisten Verpackungen nur einmal verwendet. Das kommt lange, bevor man sich um die unterschiedlichen Materialien kümmert. Bei Papier muss man beachten, dass es vom Baum kommt und Ressourcen verbraucht, um dann für zwei Stunden gebraucht und dann sofort wieder entsorgt zu werden. Mit Maisstärke-Säcken ist das nicht anders. Die bestehen oft aus Mais aus einer Monokultur, der vielleicht auch noch künstlich bewässert und mit Pestiziden behandelt wird. Es geht mehr darum, wie lange man etwas verwendet.

Vermeidest du Verpackungen auch privat?
Klar! Der Laden ist auch entstanden, da er meine Haltung widerspiegelt. Das ist in meinem Bewusstsein drinnen, da ich auf einem Bio-Bauernhof aufgewachsen bin. Ich hatte schon meine Ausflüge in Richtung Kunst und Musik gemacht, habe dann aber ein Marketing-Studium mit Fokus auf erneuerbare Energien und nachwachsende Rohstoffe gemacht. Dort zu arbeiten, wo die Leidenschaft liegt, ist am einfachsten.

Du hast dann auch relativ wenig Müll, oder?
Sicher. Ich muss kaum noch irgendwo Lebensmittel einkaufen. Anderes beispielsweise Körperpflege, die natürlich schon. Das würde ich auch am liebsten in der Pfandflasche kaufen.

lunzers10

Welchen Satz hört ihr im Geschäft am häufigsten?
„Bei euch ist es so schön ruhig.“ Denjenigen, die es nicht sagen, kann man es vom Gesicht ablesen.

Was macht dich an der heutigen Gesellschaft besonders traurig?
Dass es den Leuten wichtig ist, möglichst wenig Geld für Lebensmittel auszugeben. Dass man sich gut fühlt, für Lebensmittel wenig Geld auszugeben. Ist das nicht paradox, bei etwas, das mich am Leben erhalten soll – „Lebensmittel“ – möglichst viel zu sparen? Es tut mir richtig weh, Lebensmittel auf Diskont und nur bloß billiger und billiger zu vertreiben. Natürlich, die Ware ist billiger, aber was bekommst du dafür? Diese Dinge haben keinen Wert, das ist Mist.

Welche Produkte bietet ihr an?
Grobe Produkte wie Trockenwaren, etwa Reis, Pasta, Mehle, Flocken und Hülsenfrüchte. Dann haben wir eine große Auswahl an Gewürzen, Essig und Ölen zum Abfüllen, offenes Obst und Gemüse, Konserven wie Marmeladen, eingelegte Gurken, Brot und Käse von der Theke. Hartwurst und Schinken wird noch dazukommen. Weiters haben wir Milchprodukte, Wein, Bier, Säfte und auch Reinigungsprodukte für den Haushalt. Da kommen nächstes Jahr noch Körperpflege-Produkte, also Naturkosmetik ohne Konservierungsstoffe, dazu. Wir haben auch Behältnisse, die zu unserem Konzept passen. Auch bei denen achten wir darauf, dass wir ohne Plastik auskommen. Genauer sind das hochwertige Trinkflaschen, Essensbehälter, kleine Netze und Sackerl für Gemüse. Zum Beispiel haben wir ein Sackerl für Brot oder Obst und Gemüse. Da kann man etwa einen Salatkopf reingeben, das Ganze unter die Wasserleitung halten und es dann direkt in den Kühlschrank legen.

lunzers07

Welche Produkte wird man bei euch nicht finden?
Alles, was nicht biologisch ist. Wir haben da eine strikte Policy, obwohl es schon Situationen gab, in denen wir tolle Lieferanten und tolle Produkte hatten, aber diese nicht zertifiziert waren. Da muss man leider hart bleiben und sagen: „Das geht nicht.“ Jedes nicht zertifizierte Produkt ist ein Freibrief für halbseidene Produzenten und Trittbrettfahrer.

Was ist der Unterschied zwischen Supermarkt-Biogemüse und eurem Biogemüse?
Es kommt auf die Größe an. Ein Bauer, der einen Supermarkt beliefern möchte, muss schon richtig groß sein. Du musst dann ja alle Filialen beliefern. Da gibt es sehr wohl auch Kritiker, die sagen, dass Bio und Masse nicht zusammenpassen. Für uns ist es zum Glück möglich, mit vielen kleinen Produzenten direkt zusammenzuarbeiten.

Wie groß ist eure Verkaufsfläche?
Ohne Café in etwa 80 Quadratmeter.

Glaubst du an eine zukünftig bessere Welt oder glaubst du, dass Konsum und Verschwendung ein dominanter Teil der Gesellschaft bleiben werden?
Ich muss an eine bessere Welt glauben, sonst würde ich das nicht machen. Es gibt viele Leute, die selber ähnliche Konzepte in allen Bereichen der Nachhaltigkeit entwerfen. Da kann man leicht das Gefühl bekommen, dass sich die Welt vor meinen Augen umkrempelt. Dann dreht man einmal den Fernseher auf und es scheint eher den Bach hinunter zu gehen.

lunzers02

Wer sind eure Kunden?
Sehr viele junge Menschen, Leute, die wissen, was Nachhaltigkeit ist und das Konzept deshalb auch gut finden, und denen Bio wichtig ist, weil die Qualität höher ist. Es gibt aber auch viele ältere Damen und Herren, die das gut finden und die sich vielleicht auch durch den Namen Greißlerei angezogen fühlen. Wie meine Großmutter – sie war von dem Konzept sehr beeindruckt. Die älteren Menschen haben noch einen Bezug zu Läden ohne Verpackungen, weil sie so aufgewachsen sind. Das sind oft Pensionisten, die einen Single-Haushalt haben und froh darüber sind, einen einzelnen Knoblauch kaufen zu können. Knoblauch bekommt man nirgendwo einzeln.

Welche Veränderungen braucht das System, um verpackungsfrei zu werden?
Mir ist das Thema Mehrweg sehr wichtig. Bestimmte Sachen kann man nicht verpackungsfrei anbieten oder es ist, wie bei Fruchtsäften beispielsweise, zumindest sehr schwierig. Wenn die offen sind, leidet die Qualität darunter. Hier bieten Mehrwegsysteme eine gute Alternative. Um das durchzusetzen, braucht es Unterstützung von höherer Stelle, etwa vom Umweltministerium. Es müsste bei allen Verpackungen so sein wie bei der 0,5l-Bierflasche: eine Form, gleicher Pfand, man kann sie überall zurückgeben und sie kann von unterschiedlichen Produzenten wiederbefüllt werden. Da reicht es nicht, dass ich mich dafür einsetze, sondern da braucht es Initiativen von höherer Stelle, die den Handel und Produzenten dazu bringen, Mehrweg und Pfandflaschen sowie -gläser einzusetzen. Es gibt bestimmte Supermärkte in Österreich, da gibt es nicht einmal Mehrweg-Glasflaschen. Der Konsument hat keine Wahl.

Danke für das Interview!

Text und Interview: Isabella Khom / Fotos: Kurt Prinz und Julia Fuchs



Comments