Sonnentor

Johannes Gutmann


Querdenker, Bio-Pionier und Chef – die Kombination dieser drei Schlagwörter sorgte dafür, dass der charismatische Waldviertler Johannes Gutmann lange Zeit als Spinner galt. Heute beschäftigt seine Firma Sonnentor über 250 Menschen und erwirtschaftet Jahresumsätze jenseits von 20 Millionen Euro. Der Weg dorthin war allerdings alles andere als einfach. Als einer der Ersten spezialisierte sich Johannes bereits Ende der 1980er Jahre auf biologische und nachhaltige Landwirtschaft, pochte auf die Förderung lokaler Bauernhöfe und trat für ein faires und kooperative Miteinander ein. Zur damaligen Zeit stieß er mit diesen Standpunkten auf taube Ohren; als Reaktion erntete er häufig Spott und Häme. Von seiner Vision abbringen ließ er sich aber trotz allem nie. Jene Bauern, mit denen Sonnentor zusammenarbeitet, werden als Partner betrachtet, die beim Führen der Landwirtschaft aktiv unterstützt werden müssen. Produkte der Marke Sonnentor gibt es zudem nur in ausgewählten Bio-Märkten; in großen Supermarkt-Ketten sind sie absichtlich nicht vertreten.

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Wir haben mit Johannes Gutmann über seine Philosophie sowie seinen Werdegang gesprochen und konnten ihm auch einige Tipps für angehende Firmengründer und Firmengründerinnen entlocken.

Du stammst aus einer Bauernfamilie und bist das jüngste von fünf Kindern. Wie bist du Unternehmer geworden?
Johannes Gutmann: Ich bin im Waldviertel auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen, war viel in der Natur und hätte als jüngstes von fünf Kindern den Hof übernehmen sollen. Nachdem ich mitbekommen habe, dass Landwirtschaft im Waldviertel ein hartes Geschäft ist und mit viel Jammern in Verbindung steht, wusste ich, dass das nichts für mich ist. Ich habe dann in Zwettl die Handelsakademie abgeschlossen und zu meinen Eltern gesagt, dass mich das Angebot zwar ehrt, sie den Hof aber lieber meinem älteren Bruder geben sollen. Der war sowieso aktiver in der Landwirtschaft und hat sich darüber gefreut, also passte das so. Nach der HAK-Matura durfte ich also machen, was ich wollte. (lacht)

Deine Eltern haben deine Entscheidung also akzeptiert?
Ja. Nachdem mein Bruder da war, war die Sache schnell gegessen.

Sind deine Eltern stolz, dass es letztlich so gelaufen ist?
Im Nachhinein, ganz im Nachhinein, schon. (lacht) Meine Mutter ist jetzt 86 und fragt mich immer noch regelmäßig, ob ich von dem, was ich mache, eh leben kann. Das Vertrauen in die Selbständigkeit ist nach wie vor nicht da. Das ist aber generell ein Phänomen in Österreich, denn Österreich ist ein typisches “Nicht-Unternehmer-Land”. Es ist ein verwaltetes Land, in dem man gerne Bürokrat spielt und in gesicherten Häfen ruht. Die einzige Vision vieler Österreicher ist ja nach wie vor die nahende Frühpension.

Hattest du mit diesem, wie du sagst, nicht vorhandenen Unternehmergeist im Zuge deines Unternehmertums schon zu kämpfen?
Nein, ich hab mir darüber nie den Kopf zerbrochen, weil ich schon immer eigene Wege gegangen bin. Mir war auch immer egal, wie ich auf Ämtern oder wo auch immer behandelt werde; das hat mich persönlich nie von meiner Vision abgebracht. Ich bin Unternehmer geworden, weil ich frei sein wollte, und bürokratische Hürden haben es nie geschafft, mich zu demotivieren. Mir war von Anfang an die Freiheit und Sinnhaftigkeit meiner Arbeit wichtig, deshalb bin ich diesen Weg gegangen.

Was hast du nach der HAK und vor der Firmengründung gemacht?
Ich war 23, als ich mich selbständig gemacht habe. Davor habe ich vier Jahre lang unselbständig herum gejobbt. Nach dem Bundesheer habe ich 14 Tage lang an der Wirtschaftsuni in Wien studiert, merkte aber schnell, dass das nichts für mich ist. Ich habe als unselbständiger Mitarbeiter nicht die besten Erfahrungen gemacht. Ich dachte mir damals, dass ich entweder komplett aus der Region weggehen würde und mich alle gern haben könnten oder dass ich stattdessen dableiben und etwas komplett anderes machen könnte.

Der Weg in die Selbständigkeit war für dich also der Ausweg …?
… aus meiner persönlichen Krise. Es war der Ausweg aus meinem Empfinden, dass ich mich nicht gebraucht und nicht verstanden fühlte, dass ich den Eindruck hatte, dass ich im Job nur ausgenommen und nicht geschätzt werde. Ich hatte das Glück, dass ich am Ende meiner Tätigkeit als Angestellter mit Bio-Kräuterbauern in Kontakt kam, die ganz anders über ihre Landwirtschaft sprachen als die Bauern, die ich bislang gekannt hatte. Sie waren mit Herzblut dabei und man merkte, dass sie ihre Arbeit gern machen. Sie waren frei, weil sie nicht wie konventionelle Landwirte bei irgendwelchen Konzernen Chemikalien und Samen einkaufen mussten. Sie hatten aber keine Absatzstrukturen, sondern verkauften die Produkte nur über den Postversand oder auf kleinen Ständen. Nachdem ich keine Arbeit hatte und sie keine ordentlichen Absatzwege, dachte ich mir: Minus und Minus ergibt Plus – und so hat alles angefangen.

Die Vision von Sonnentor war also damals schon ausgereift?
In groben Umrissen, ja. Mein Plan war es, für mich selbst eine Arbeit zu finden, die Sinn macht. Ich wollte davon leben können und gleichzeitig kleinen, nachhaltig agierenden Bauern dabei helfen, ebenfalls gut davon leben zu können.

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Ich habe in einem Interview aus dem Jahr 2010 gelesen, dass du dir als Chef ein Gehalt von 2.500 Euro Netto auszahlst. Ist das immer noch aktuell?
Das stimmt, das ist nach wie vor so.

Du legst auf Dinge wie Geld und Statussymbole also keinen Wert?
Überhaupt nicht, ich komm mit dem Geld locker aus und hab genug Taschengeld, um meinen Kindern auch was bieten zu können. Ich hab überhaupt keinen Bedarf danach, mehr rauszunehmen, als ich brauche. Im Gegenteil: Alles, was die Firma verdient, wird reinvestiert. Das sage ich auch meinen Mitarbeitern. Durch diese Strategie sind wir Cashflow-finanziert und finanziell unabhängig geworden, das ist mir wichtig. Banken-Jammerein gibt’s bei uns nicht, das ist uns alles wurscht.

Heini Staudingers Firma GEA sitzt ja auch im Waldviertel und sorgt immer wieder mit eigenwilligen Strategien und Praktiken für Schlagzeilen. Hast du eine Erklärung dafür, weshalb es genau dort gleich mehrere etwas anders tickende Unternehmer gibt?
Womöglich die Ruhe, die es bei uns gibt. Die Abgeschiedenheit und die Naturverbundenheit sind sicher Faktoren, die dazu beitragen. Es ist alles irgendwie transparenter; in der Stadt kannst du dich in der Anonymität verstecken, hier nicht. Ich wünsche dem Heini, dass er nicht allzu viel sekkiert wird, weil es damit schon sehr schwierig ist. Wenn er irgendwas von uns braucht, kann er es haben.

Ihr seid also befreundet?
Ja, sicher, wir haben einen Schulterschluss und beraten uns auch manchmal.

Ihr habt mittlerweile 250 Mitarbeiter, seid in Österreich bei biologisch angebauten Kräutern, Tees und Gewürzen Marktführer und in Deutschland die Nummer drei. Wie sieht die Zukunft von Sonnentor aus?
Wir haben vor einem halben Jahr ein Gasthaus eröffnet, führen einen eigenen Betriebskindergarten und gehen damit jetzt auch an die Öffentlichkeit – sprich, wir nehmen seit November 2014 Kinder von externen Leuten auf, die nicht bei uns arbeiten. Wir machen das im Grunde für alle, das gilt auch für das Gasthaus. Wir bieten regionale Produkte an, es wird frisch gekocht und wir verwenden keine Lebensmitteln aus der Dose. Wir verkochen auch das, was rund um das Haus saisonal wächst. Bei uns wirst du im Winter keine Erdbeeren bekommen.
Wir haben außerdem gerade die nächste Lagerhalle gebaut und expandieren gesund und stetig weiter. Wir wollen möglichst viele Menschen für eine biologische, nachhaltige Lebensweise begeistern. Wir fördern Gemeinwohl und Kooperationen und nicht Gier und Konkurrenzdenken.

Also ist das auch dein persönlicher Tipp an andere Menschen und insbesondere Firmenchefs?
Ja. Man braucht die Wirtschaft, aber die Wirtschaft ist im Gemeinwohl viel nützlicher. Wer kooperativ lebt und arbeitet, wird immer etwas zu essen und immer Freude an seiner Arbeit haben. Jeder hat seine Stärken, jeder hat seine Talente. Man braucht aber immer andere Menschen, die helfen. Deshalb sind auch junge Startups gut darin beraten, sich ihrer Kernkompetenz bewusst zu werden und sich für das, was sie nicht können, Rat und Hilfe zu holen und Partnerschaften mit anderen einzugehen. Das hab ich auch immer so gemacht und bin damit immer am besten gefahren.

Wie sehen derartige Partnerschaften bei euch aus?
Im Grunde sind all unsere Zulieferer und Biobauern Partner, die wir respektieren. Wir haben jetzt beispielsweise auch schon zig Startups begleitet und in die Selbständigkeit geführt. Wie gesagt haben wir 250 eigene Mitarbeiter; zusätzlich haben wir aber 700 Arbeitsplätze durch Kooperationen mit Zulieferern, Biobauern und Franchise-Partnern geschaffen.

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Franchise-Partner heißt, dass man eure Marke lizenzieren kann?
Genau, du kannst damit Produkte unter der Marke Sonnentor verkaufen. Wir haben seit sechs Jahren ein eigenes Franchise-Konzept und damit viele Leute in die Eigenständigkeit geführt.

Ihr seid im Ausland, vor allem in Deutschland, sehr erfolgreich. Ist da die österreichische Marke ein Faktor?
Die österreichische Marke ist im Ausland schon sehr wichtig. Wir sind aber deshalb in den Export gegangen, weil wir im Inland keinen Markt gefunden haben. Wir exportieren seit 1990 und haben damals schnell gesehen, dass sich der Lebensmittelhandel nicht als langfristiger Vertriebspartner eignet. Damals gab es in Österreich nur 15 Bio-Geschäfte. Die haben wir beliefert und dann sofort nach Deutschland geschaut. Dort habe ich eine Bio-Messe besucht und bin draufgekommen, dass es dort schon 1990 über 300 solcher Bio-Läden gab.

Ihr habt also den heutigen Bio-Trend schon vorweggenommen oder sogar mit geformt?
Wir galten damals als absolute Spinner. Ich habe hundertmal am Tag erklären müssen, was bio überhaupt ist. Erst als Österreich im Jahr 1995 der EU beigetreten ist, fand ein Umdenken statt und Bio-Lebensmitteln wurden schön langsam zu einem wichtigeren Thema. Ich bin dem konventionellen Lebensmittelmarkt für diesen Wandel sehr dankbar, beliefere ihn aber trotzdem nicht. Es gibt ohnehin genug andere, die das machen.

Das heißt, ihr beliefert ausschließlich von euch ausgewählte Bio-Märkte und keine normalen Supermärkte?
Genau, überall dort, wo es in die Kette geht, liefern wir nicht hin. Wir arbeiten lieber mit den kleinen, unabhängigen zusammen. Wir wählen unsere Partner sehr bewusst aus.

Danke für das Interview!

Text und Interview: Raphael Schön, Fotos: SONNENTOR



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