Restaurant Etap

Mehmet Kocak


Von außen sieht das „Etap“ am Beginn der Neulerchenfelderstraße in Ottakring nicht viel anders aus als herkömmliche türkisch-orientalische Restaurants. Draußen wird mit einem relativ günstigen Mittagsbuffet geworben und an der Fenster-Front hängen bunte Bilder von gefüllten Melanzani, Gemüse-Aufläufen, Couscous und Faschiertem. Auch drinnen wirkt alles im ersten Moment unspektakulär: Die Theke, Tische und Stühle sind aus dunklem Holz, die Wände zieren helle Ziegel; zwischen Nichtraucher- und Raucherbereich scheint Tageslicht durch die verglaste Decke. Hier wird das üppige Buffet angerichtet. Zu Mittag für die reguläre und zahlende Kundschaft, am Abend schließlich für 100 Asylwerberinnen und Asylwerber – es ist Montag.

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Mehmet Kocak ist der Geschäftsführer des Restaurants. Seit etwa zwei Monaten lädt er gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Ali Gedik, der sich um die gesamte Organisation der Aktion kümmert, jeden Montag zwischen 16:00 und 18:00 Uhr Flüchtlinge zum Essen ein. Unterstützt wird er dabei von der Initiative „Asyl in Not“ und dem „Verein Ute Bock“. Bis zu 100 Asylwerberinnen und Asylwerber können sich hier einmal pro Woche am reichlich gedeckten Buffet den Bauch vollschlagen. Kalte und warme Vorspeisen, Hauptspeisen, Desserts und diverse Getränke gibt es – und alles ist gratis für die besonderen Gäste. Warum Mehmet Kocak das macht? Einfach so. Er zuckt bei der Frage mit den Schultern und lächelt milde. Er mache es gern.

Das kauft man Kocak auch ab. Zwar waren schon Medien wie der ORF und die halbe Ottakringer Bezirkspolitik im „Etap“, um sich Kocaks Projekt anzusehen und darüber zu berichten (u.a. im ORF2-Format „Heimat Fremde Heimat“), jedoch hat er die Aktion weder für die Presse noch für die Politik ins Leben gerufen. Er will den Flüchtlingen mit gutem Essen eine Freude machen – und das gelingt ihm auch Woche für Woche.

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Mehmet Kocak wurde mit seiner Aktion mittlerweile auch für den „MigAward“ nominiert. Das 2012 von BUM Media initiierte Projekt zeichnet verschiedene Initiativen und Persönlichkeiten aus, die die Partizipation von Migrantinnen und Migranten in Österreich fördern und innovative Ansätze in der Migrationsdebatte verfolgen. Er ist in der Kategorie „Persönlichkeit des Jahres“ nominiert. Entscheiden wird im Endeffekt eine Jury. 

Wie-Wir-Wollen.at: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, in Ihrem Restaurant gratis für Asylwerberinnen und Asylwerber zu kochen?
Mehmet Kocak:
Ganz einfach, ich wollte helfen und habe mir überlegt, wie ich das kann. Also wollte ich eine Aktion starten. Mehr nicht. Einfach menschlich sein.

Beschreiben Sie doch einmal, wie das an so einem Montagnachmittag abläuft. 
Alles passiert von 16:00 bis 18:00 Uhr. Gemeinsam mit „Asyl in Not“ und dem „Ute Bock Verein“ habe ich eine Website aufgesetzt, auf der sich jeder erst eintragen muss, wenn er zum Essen kommen will. Wir haben da ein System gefunden, das auch gut läuft, da bin ich sehr zufrieden. Dann kommen jeden Montag die Leute, so 70 bis 80, manchmal auch 100. Wir haben einen eigenen Raum für die Flüchtlinge, den wir vorbereiten; das Buffet ist hier, wo es immer ist (zeigt zum langen Buffet, das gerade für Mittag bestückt wird), und die Leute essen davon.

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Was gibt es zu essen?
Genug. Sechs oder sieben Hauptspeisen, zehn bis fünfzehn Vorspeisen, Desserts, Getränke. Natürlich, solange der Vorrat reicht.

Wie reagieren die Flüchtlinge auf Sie? Sie sind ja immer dabei. 
Sie sind alle sehr zufrieden und bedanken sich. Das ist immer sehr schön.

Was erwarten Sie sich von der Aktion?
Ich erwarte gar nichts. Alle sollen zufrieden sein. Wenn ich nur ein Stück Brot hergeben kann, bin ich zufrieden.

Bekommen Sie finanzielle Hilfe?
Nein, von niemandem. Ich erwarte auch nicht, dass mir irgendetwas finanziert wird.

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Ute Bock war ja auch einmal hier bei einem Essen. Was sagt sie zu der Aktion? 
Sie war auch sehr zufrieden. Ich habe sie vorher nicht gekannt, aber jetzt habe ich sie kennengelernt und ich bewundere sie sehr. Wirklich. Sie hat mir dann auch erzählt, was sie so gemacht hat bis jetzt. Ich finde sie toll. Die Frau ist ein Wahnsinn, ehrlich. Damit habe ich nicht gerechnet, das gebe ich zu. Es gibt mir viel Kraft, wenn ich von Leuten wie ihr oder von den Politikern, die da waren (u.a. Ottakrings Bezirksvorsteher Franz Prokop, Terezija Stoisits von den Grünen und Heide Schmidt, Anm.), höre, dass es gut ist, was ich da mache.

Sind schon viele Menschen auf Sie zugekommen, die bei der Aktion mithelfen wollen?
Es gibt viel Bestätigung, viele, die das toll finden. Manche wollen auch mit Geld helfen. Eine Frau hat mir einmal 100 Euro gegeben, eine andere hat mich angerufen und gesagt, dass sie ein Lamm schlachten möchte. Das hat sie gemacht, damit ich es zum Kochen verwenden kann. Das habe ich dann auch getan. So eine ganz direkte Hilfe ist auch schön.

Wie lange wollen Sie das machen?
Darüber habe ich nicht nachgedacht. Solange mein Restaurant läuft, werde ich es machen.

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Ziehen Sie wirklich eine Grenze bei 100 Personen?
Bis jetzt sind nicht mehr als 100 gekommen, aber wenn da jetzt um zehn oder fünfzehn Leute mehr kommen, dann sage ich auch nicht, dass sie wieder gehen sollen. Seit wir dieses System (auf der Website, Anm.) haben, tragen sich die Leute schon ein, aber ich stehe dann nicht da und schaue, wer auf der Liste ist und wer nicht. Ich frage nicht, wer jemand ist oder woher jemand kommt. Sicher nicht. Jeder kann kommen. Ich bereite aber für 100 Leute vor, wenn dann 200 kommen, ist das unangenehm.

Wie erleben Sie die Situation der Asylwerberinnen und Asylwerber in Österreich? Wie geht es ihnen?
So viel weiß ich nicht. Ich möchte nur irgendwie behilflich sein. Menschlich sein. Darum habe ich mich gefragt, was ich machen kann. Geld geben? Geld habe ich selbst keines. Das hier kostet mich zwar auch ein bisschen was, aber na ja. Wie es den Flüchtlingen geht, weiß ich nicht. Es ist aber immer schwer für sie, denke ich mir. Alles verlassen zu müssen, das ist bestimmt nicht einfach. Essen einmal in der Woche bringt da eh nicht wirklich etwas, aber das ist alles, was ich tun kann.

Bekommen Sie auch Kritik für die Aktion?
Bis jetzt nicht, aber das kann natürlich noch kommen.

Danke für das Interview!

Text und Interview: Nicole Schöndorfer, Fotos: Kurt Prinz



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