Leila

Simon & Ina


Beim Betreten des Leila in Wien fragt man sich schnell, ob man hier richtig ist: Der große Raum wirkt auf den ersten Blick noch etwas unbeholfen und erinnert an Werkstätten in Schulen. Jedoch verbirgt sich hinter der unscheinbaren Aufmachung eine kleine Schatzkiste, eine Fundgrube für Dinge. In dem kleinen Laden kann man sich Sachen ausleihen — beispielsweise, um zu sehen, ob man die Dinge wirklich brauchen könnte, wie beispielsweise eine Gitarre. Für vier Wochen kann man dann überlegen, ob man das Instrument wirklich haben möchte oder ob es doch eher nichts für einen ist. Wer weiß, dass er Dinge tatsächlich benutzen möchte, sie aber nur sporadisch braucht, kann sie ebenfalls ausleihen — etwa Werkzeug oder Eislaufschuhe.

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Für Menschen, die am Land leben, scheint diese Idee oftmals überflüssig, da es dort ohnehin noch üblich ist, sich beim Nachbarn etwas auszuleihen. Im urbanen Raum sieht die Sache allerdings anders aus; hier ist so ein Verhältnis mit dem Nachbarn eher selten, und bevor man dort nach einer Bohrmaschine fragt, kauft man sich meist lieber selbst eine.

Für das Leila-Team ist das ein unökonomischer und unnötiger Schritt schließlich besitzen wir so viele Dinge, die wir nicht oft bis nie brauchen, oder bekommen Dinge geschenkt, mit denen wir nichts anfangen können. Warum also sollte man diese Dinge nicht teilen und jemanden davon Gebrauch machen lassen, der sie tatsächlich benötigen kann? Das Ziel des Teams ist es, den Menschen das Teilen wieder beizubringen, ein Bewusstsein für Konsum zu schaffen und dabei auch Gleichgesinnten einen Ort zum Diskurs zu geben sowie Ressourcen und die Umwelt zu schonen. Wir haben mit der Leila-Crew über ihr Projekt gesprochen.

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Wie seid ihr generell auf die Idee gekommen, den Leila zu eröffnen?
Simon: Ziemlich unspektakulär. Seit zwei Jahren gibt es dieses Konzept schon umgesetzt in Berlin. Im Februar 2013 war der Gründer des Leihladens im Rahmen des Solidarökonomischen Kongresses auf der BoKu in Wien und hat uns davon erzählt. Uns hat das gut gefallen. Das Team, wie es jetzt ist, hat damals in der Form noch nicht existiert. Über den Verein, bei dem ich arbeite, haben wir eine Gruppe von jungen Leuten zusammengetrommelt, die Lust hatten, aktiv zu werden.

Aus wie vielen Leuten besteht das Team aktuell?
Wir sagen immer sieben. Das sind die Gründungsmitglieder, wobei sich jetzt gerade wieder was tut. Es gibt Leute, die neu dazukommen, und Leute, die aus Familiengründen oder anderen ausgestiegen sind.

„Man kann bei uns eine Mitgliedschaft abschließen und dafür darf man sich so viel ausborgen, wie man will – also eigentlich wie in einer klassischen Bibliothek für Bücher, nur dass wir Gebrauchsgegenstände verleihen.“

Wie funktioniert der Leihladen?
Ina: Wir sind als gemeinnütziger Verein organisiert. Man kann eine Mitgliedschaft abschließen und dafür darf man sich so viel ausborgen, wie man will – also eigentlich wie in einer klassischen Bibliothek für Bücher, nur dass wir Gebrauchsgegenstände verleihen. Wir haben uns als Richtwert zwei bis drei Euro pro Monat überlegt; so können wir unsere Kosten decken. Die Leute, die beim Leila arbeiten, machen das ehrenamtlich, das heißt, die Mitgliedsbeiträge verwenden wir nur für die Miete, Versicherung und all die anderen Kosten, die man eben hat. Wenn man Mitglied ist, hat man Zugriff auf alles, was im Laden herumliegt.

Für wie lange kann man die Sachen dann haben?
Ina: Normalerweise für so vier Wochen. Wobei man mit uns ganz gut verhandeln kann. Wenn jemand auf Asienreise geht und den Rucksack von uns ausborgt, sagen wir auch nicht, dass er nach vier Wochen zurückkommen und den Rucksack zurückbringen muss. Hauptsache, er wird genützt.
Simon: Wir haben einige Lomo-Kameras und heute ist eine Frau vorbeigekommen, die für ein Kunstprojekt Kameras sucht. Diese gibt sie dann Flüchtlingen für eine Woche für dieses Kunsttherapie-Projekt. Am Ende des Jahres gibt es dann eine Ausstellung mit allen geschossenen Fotos. Die Kamera gibt sie dabei von Person zu Person. Wir werden dieser Frau auch sagen, dass sie die Kamera länger haben kann. Das heißt, wir können eigentlich frei entscheiden.

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Welche Gegenstände bietet ihr an?
Ina: Im Sommer zum Beispiel viel Reisezubehör: Rucksäcke, Zelte, Iso-Matten, Moskitonetz, Campingkocher — alles, was man braucht, wenn man wegfährt. Dann haben wir viel Werkzeug: Heißklebepistolen, eine Wasserwaage mit Laser, eine Halbkreissäge mit Laser. Die Bohrmaschine ist auch meistens verliehen.
Simon: Die Bohrmaschine ist eigentlich der Klassiker. Es gibt aber noch so viel mehr.

Gibt es Gegenstände, die nicht angenommen werden?
Simon: Wenn es sich um etwas handelt, wovon wir schon mehrere Stücke haben, dann nehmen wir es nicht an. Die Sachen sollen außerdem möglichst portabel sein. Wir haben beispielsweise ein Piano angeboten bekommen und das ist zwar toll, aber das wird sich niemand ausleihen, weil man das aufwendig transportieren muss. Dafür dass man es dann nur ein paar Wochen bei sich hat, organisiert man sich kaum einen Transporter. Und natürlich müssen die Sachen funktionieren. Grundsätzlich stellen wir uns die Frage, ob die Dinge wohl tatsächlich ausgeliehen werden oder nicht. Wenn wir die Frage eher mit ja beantworten können, nehmen wir sie an. Aber wir müssen selbst noch Erfahrungen sammeln, weil man auch nicht alles kennt.

Was war bisher das Skurrilste, das euch gebracht wurde?
Ina: Da müssten wir bei „Besonderheiten & Spezielles“ nachsehen. Wir haben schon so Skimasken bekommen.
Simon: Ja, oder ein Taucher-Messer. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das jemanden ausleihen will. Wir haben so alte mechanische Spannungsmesser bekommen – gleich sechs Stück davon. Es gibt vielleicht Bastler, die das brauchen können, aber wir wissen nicht wirklich, was man damit machen kann. Es gibt sehr kuriose Geschichten.

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Gibt es eine bestimmte Zielgruppe, die sich Dinge bevorzugt ausleiht?
Ina: Unser Ziel ist es, möglichst viele Menschen anzusprechen und davon zu überzeugen, sich einzubringen. De facto ist es schon so, dass viele aus dem studentischen Umfeld kommen. Es kommen aber durchaus auch Leute, die im Grätzel wohnen und schauen, was hier passiert ist, weil das Lokal ja vor unserem Einzug drei Jahre leer gestanden hat. Die schauen dann rein und finden das Konzept auch gut.
Simon: Unser Vorteil ist, dass in diesem Raum auch noch andere Sachen stattfinden; dadurch kommen unterschiedliche Gruppen zu uns. Trotzdem ist es hauptsächlich noch ein studentisches Projekt. Wir wollen auch, dass es ein Sozial-Projekt ist. Offen gesprochen braucht man ein gewisses Geld, ein kulturelles Kapital, damit man auch verschiedene Kanäle nützen kann. Es ist schon auch ein Projekt, bei dem man eine Vertrauensbasis braucht. Wenn jemand die Idee dahinter nicht versteht oder spürt, dann ist es schwierig, etwas zu verleihen. Mir kommt vor, man muss eine gewisse Vorarbeit leisten – aber es läuft viel besser, als gedacht.

„Leute, die nicht aus dem urbanen Raum kommen, sind immer wieder von unserer Idee irritiert. Die fragen, wozu wir das überhaupt brauchen.“

Ina: Das Ganze ist auch so eine Sache, dieses neue Konzept – oder eigentlich das uralte Konzept – von Tauschen und Teilen, obwohl die Form natürlich relativ neu ist. Alle Beteiligten müssen dabei etwas lernen.
Simon: Es gibt sehr unterschiedliche Gruppen von Menschen, die unterschiedlich mit Ressourcen umgehen. Sinnvoll ist hier, wenn Leute wieder lernen, mehr miteinander zu teilen. Diejenigen, die das gerne tun, sind auch eher die Leute, die zu uns kommen. Ich kann mir gut vorstellen, dass in vielen ärmeren sozialen Schichten das Teilen eine Selbstverständlichkeit ist. Leute, die nicht aus dem urbanen Raum kommen, sind immer wieder von unserer Idee irritiert. Die fragen, wozu wir das überhaupt brauchen. Wenn sie was brauchen, gehen sie zum Nachbarn und borgen es sich aus. Dafür brauchen sie kein Geschäft. Aber hier in der Stadt ist das für manche Leute notwendig.

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Was glaubt ihr, warum Sharing gerade jetzt immer präsenter wird?
Ina: Warum das so ist, weiß ich auch nicht, aber die Leute erkennen, dass das Wirtschaftssystem so, wie es ist, nicht mehr sehr lange gutgehen kann – dass es ein absurder Gedanke ist, unendliches Wachstum auf endlichen Ressourcen aufzubauen. Immer mehr Leute erkennen das und wollen etwas verändern. Deshalb gibt es immer mehr Initiativen in diese Richtung.

Glaubt ihr, dass diese Konzepte parallel zur Wirtschaft laufen können? Oder meint ihr, dass sie ihr schaden könnten?
Simon: Etablierte Formen des Wirtschaftens sind dadurch schon gefährdet. Ich denke da an Airbnb und die Hotelbranche, oder Uber und das Taxiwesen. Ich finde es nicht gut, solche Sharing-Ideen in eine Profitmaximierungs-Logik zu packen und Arbeiterrechte zu unterschreiten. Da gibt es noch eine Lücke.
Ina: Ich sehe den Leihladen gar nicht so in diesem Konzept. Hier geht es darum, wieder zu lernen, zu tauschen, und um Vertrauen in der Community. Uns war von Anfang an klar, dass das jetzt nichts ist, womit wir reich werden.
Simon: Wir wollen Leuten das Geschäft nicht insofern abgraben, als dass wir dann die Geldleistungen bekommen. Wir wollen, dass diese finanziellen Aufwände gar nicht anfallen. Ich bin nicht gegen den Handel und die Wirtschaft – für manche Sachen ist es auch gar nicht sinnvoll, Güter zu teilen,, aber für manche Sachen ist es sehr sinnvoll, und da soll es auch passieren. Es ist eine Ergänzung, die vieles entlasten kann. Die Leute spüren, dass das Finanzsystem nicht funktioniert, und viele wollen da umsteuern. Wenn Sharing Economy eine neue Business-Idee ist, dann ist das nichts Besonderes – wenn sie aber das bestehende Wirtschaftssystem wandeln kann, dann ist das etwas Großartiges.

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Geben die Leute ihre Sachen bedenkenlos her oder habt ihr manchmal das Gefühl, dass sie es schon schweren Herzens tun?
Simon: Der Großteil der Sachen wird uns geschenkt, weil Leute sie gar nicht mehr brauchen. Es gibt Sammler, die irgendwann draufkommen, dass ihnen der Platz ausgeht, oder Leute, die merken, dass sie ihre Dinge gar nicht verwenden. Manchmal bekommt man auch Sachen geschenkt, die man eigentlich gar nicht braucht – dann legen die Leute keinen großen Wert darauf und der Kram landet bei uns. Ob die Dinge einen großen finanziellen Wert haben, ist davon eigentlich unabhängig. Also wir bekommen auch originalverpackte Sachen, sprich Dinge, die gar nicht benutzt wurden. Von Leuten, die selber ausleihen und dichter an dem System dran sind, bekommen wir auch Sachen geliehen, die sie wieder zurück haben oder irgendwann wieder verwenden wollen. Da kommt es schon vor, dass sie uns nochmal drauf hinweisen, wie man es verwenden soll und wie man darauf aufpassen muss. Unser Tandem zum Beispiel.
Ina: Aber bei Sachen, an denen das Herz der Leute dranhängt oder die offensichtlich von großem Wert sind, erlauben wir uns auch, bei Ausleihe einen Pfand einzuheben.
Simon: Das kann man entscheiden, wenn man uns etwas leiht. Ich glaube, die super wichtigen Sachen bekommen wir nicht und die wollen wir auch gar nicht. Es wäre uns unangenehm, auf so etwas Wichtiges aufzupassen.

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Hat sich der Leila so entwickelt, wie ihr es euch vorgestellt hattet?
Ina: Prinzipiell schon. Teilweise kommen wir jetzt auf Sachen drauf, die einfacher wären, hätten wir sie von Anfang an anders gemacht.
Simon: Ich glaube, es gab bessere und schlechtere Phasen. Und es gab Sachen, die gut gelaufen sind und andere, die schwieriger waren. Das mediale Interesse war eigentlich überfordernd groß – noch bevor wir wirklich angefangen hatten. Die Journalisten waren dann enttäuscht, wenn wir sie hierher eingeladen haben und der Laden noch eine Baustelle war. Wir waren aber positiv überrascht; die Leute haben uns sehr schnell Zeug vorbeigebracht. Was ein wenig schwierig war, war beispielsweise, dass wir im Sommer unterschätzt haben, wie viele Leute eigentlich weg sind. Es gibt nicht wenige Leute, die Mitglied werden, weil sie die Sache einfach toll finden, die wir danach aber nie wieder sehen.

Wie sieht die ideale Zukunft des Leila aus?
Simon: Unser Ziel war am Anfang, dass sich der Leila nach einem Jahr finanziell selbst erhält – also ausfinanziert ist und dass die grundsätzlichen Dinge auf Schiene laufen;.dass das Inventar aktiv genutzt wird uns sich die Idee verbreitet. Ein Ziel ist auch, dass es irgendwann auch andere Leihläden gibt.
Ina: Es ist nicht so gedacht, dass wir als Team noch einen Leihladen aufmachen, sondern dass es Leute gibt, die die Idee gut finden und sie nachahmen. Leute wohnen vielleicht im 23. Bezirk und finden die Idee super, aber werden nicht extra in den 16. fahren, um sich eine Bohrmaschine auszuborgen. Wenn es das Angebot in ihrer Nachbarschaft geben würde, würde es auch genützt werden. Ein Ziel ist somit auch, dem Leihladen seinen Status als etwas so Besonderes zu nehmen und dabei der Idee des Teilens ein bisschen mehr zur Normalität zu verhelfen.

Danke für das Interview!

Text und Interview: Isabella Khom, Fotos: Karo Pernegger



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