Manuel Ortlechner

Ich will einen Fußball ohne Rassismus


Manuel Ortlechner ist einer der bekanntesten Fußballer des Landes. Er spielt seit fünf Jahren beim Traditionsklub FK Austria Wien, einen Großteil dieser Zeit als Kapitän. Als die Austria 2013 in der Gruppenphase der Champions League spielte, wurde Ortlechner sogar in das UEFA-Team der Runde gewählt.

Ortlechner ist immer wieder dadurch aufgefallen, dass er sich nicht nur zu Fußball-Themen zu Wort meldet, sondern auch heiße gesellschaftliche Eisen anfasst. Er positioniert sich klar für einen Fußball ohne Diskriminierung, redet aber nicht nur, sondern handelt auch, etwa als einer der drei Sprecher der Spielergewerkschaft in Österreich.

DSCN0938

Ein Gespräch über Respekt, das Schöne im Leben und warum auch eine Entschuldigung nach einem Foul ein Zeichen gegen Rassismus sein kann.

Du hast seit deiner Jugend eine klare Meinung zu Rassismus und Diskriminierung. Wie kam es dazu?
Manuel Ortlechner:
Für mich war eigentlich ursprünglich die Musik dafür verantwortlich, einen offenen Zugang zu entwickeln. Ich komme aus einer Generation, die regelmäßig auf Raves gegangen ist – das hat meinen Horizont sehr stark erweitert. Das war für mich eine sehr weltoffene Musik und dadurch habe ich auch Weltoffenheit gelernt.
Gleichzeitig musste ich mich auch von vielen Meinungen abkapseln, die es in meiner Umgebung gab und mit denen ich aufgewachsen bin. Ich stamme ja aus dem Innviertel, das leider bis heute eine Hochburg von rechtsextremen und deutschnationalen Ideen ist.

Bist Du in deiner Jugend mit Rassismus konfrontiert gewesen?
Ich selbst habe in meiner Jugend eigentlich relativ wenig Rassismus gesehen und erlebt. Bei uns in der Gegend gibt es auch eher wenige Migranten und Migrantinnen. Gleichzeitig habe ich von Kindheit an Fußball gespielt und Fußball ist international. Du denkst einfach nicht darüber nach, woher die Eltern deines Mitspielers kommen. Ich bin am Fußballplatz groß geworden, mit Leuten aus ganz unterschiedlichen Nationen. Gemeinsam haben wir gespielt, uns gefreut, wenn wir gewonnen haben, oder uns geärgert, wenn wir verloren haben.
Wir dürfen auch nicht vergessen, dass es Rassismus auch gibt, wenn wir ihn persönlich nicht wahrnehmen. Ich war öfter in den USA. In bestimmten Gegenden merkst Du kaum etwas vom Rassismus, dennoch ist er natürlich vorhanden. Es ist nicht einfach dort, wenn du schwarz bist, oder eine Religion verfolgst, die der Mehrheit nicht gefällt. Das sehen wir aber klarerweise nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und vor unserer Haustür.

Ich habe bisher sehr selten Statements von aktiven Fußballern zum Thema Homophobie gehört. Wie siehst Du das? Sollten sich schwule FußballerInnen outen?
Mir persönlich ist es völlig egal, ob jemand homosexuell oder hetero ist. Sehr viele Profis trauen sich leider nicht, sich öffentlich klar gegen Homophobie zu positionieren. Ich finde das sehr traurig und würde mir auch hier mehr Zivilcourage wünschen.
Ein Outing würde ich nur einer sehr gereiften Persönlichkeit raten. Es gibt noch kaum Fälle im internationalen Profifußball und keinen einzigen in Österreich – das ist natürlich kein Zufall. Wenn, dann sind es ehemalige Profis, die sich nach dem Ende der Karriere dazu bekennen, was natürlich ein sehr wichtiger Schritt ist. Doch selbstverständlich gibt es auch hierzulande aktive schwule Fußballer. Ein Outing kann leider immer noch sehr schwierig sein und gerade die erste Person, die das macht, würde wohl auch vielen Problemen ausgesetzt sein. Das ist traurig, aber leider tatsächlich so.
Hier sind aber auf jeden Fall auch die Spieler, die Clubs, die Fans und die Gesellschaft dringend gefragt. Da besteht zweifellos noch sehr viel Aufholbedarf!

Fußball gilt ja in der Öffentlichkeit zumeist als Männersport. Deine Meinung dazu?
Fußball ist selbstverständlich kein reiner Männersport. Beim Tennis beispielsweise sagt ja auch niemand, dass das ein Männersport ist. Warum sollte das beim Fußball anders sein? Fußball ist ein Sport für Männer und für Frauen, für Familien, für Kinder, für Menschen mit Behinderungen. Fußball sollte einfach den Querschnitt der Gesellschaft zeigen. Viele Clubs haben ja auch sehr gute Frauenmannschaften. Die Austria hat derzeit noch kein Frauenteam, ich fände das allerdings eine gute Sache. Soweit ich weiß, gibt es auch bereits Überlegungen in diese Richtung.
Unter den Fans würde ich mir ebenfalls eine größere Beteiligung von Frauen wünschen. Es gibt da diesen Slogan: Der zwölfte Mann kann auch eine Frau sein. Das finde ich sehr cool.

Was könnten die Spieler tun, wenn aus dem Publikum diskriminierende Äußerungen kommen? Hast Du so etwas schon mal mitbekommen?
Natürlich, jeder der auf einem Fußballplatz steht, hört diskriminierende Äußerungen. Das geht von Homophobie über Sexismus bis zu den berüchtigten Affen-Lauten, mit denen schwarze Spieler beschimpft werden. Ich selbst habe das etwa gegen meinen ehemaligen Teamkameraden Rubin Okotie erlebt. Das ist selbstverständlich völlig inakzeptabel.
Der Umgang damit ist immer schwierig, denn wenn wir uns etwa nicht vom Publikum verabschieden, dann treffen wir ja nicht nur die Leute, die sich unangebracht verhalten haben, sondern alle Fans. Eine Möglichkeit wäre, dass wir dann etwa nicht zu der Kurve gehen, wo die Äußerungen gefallen sind, sondern uns stattdessen im Mittelkreis einmal umdrehen und applaudieren.
Gut finde ich aber, wenn es etwa Spruchbänder und Plakate gegen solche Aktionen gibt. Das allein ist natürlich noch zu wenig, aber es ist ein erster Schritt.

Kick_out_Fascism_Kleber_der_Initiative_Austria_Fans_gegen_Rechts

Was für eine Unterstützung wünscht Du Dir von den Fans?
Support ist für eine Mannschaft ungemein wichtig – das gibt dir die sogenannte zweite Luft –, denn natürlich bekommen wir mit, ob es im Stadion totenstill ist oder ob eine super Stimmung auf den Rängen herrscht.
Generell würde ich mir hundertprozentigen Support für den eigenen Verein wünschen. Speziell beim großen Wiener Derby zwischen der Austria und Rapid denke ich, dass viel zu viel Zeit darauf verschwendet wird, den Gegner zu beschimpfen, anstatt den eigenen Verein anzufeuern. Oft sind diese Beschimpfungen dann eben auch noch diskriminierend, sexistisch oder homophob. Das wünsche ich mir prinzipiell nicht und es hilft uns auch nicht.
Wenn die Fans aber laut sind und uns anfeuern und pushen, dann zieht uns das auch wieder nach vorne – und genau das sollte doch das Ziel der Fans und ihres Support sein. Es gibt – was wird oft vergessen – ja nicht nur Spieler, sondern auch immer Fans, die diskriminierende Slogans ertragen müssen. Wie kommt etwa ein Fan mit Migrationshintergrund, ein schwuler Fan, eine Frau dazu, sich 90 Minuten lang unangebrachte Sprüche anhören zu müssen?Austria-Fans sind meist kritisch und das soll auch so sein. Gleichzeitig sollten sich Fans der Austria der Wurzeln des Clubs bewusst sein, und diese Wurzel sind weltoffen und liberal. Ich wünsche mir kein Bashing des Gegners, sondern Support für die eigene Mannschaft. Kurz gesagt: Der Austria-Fan sollte ein intelligenter Fan sein.

Du hast es gerade selbst angesprochen. Die Austria ist eigentlich ein Verein mit jüdischen Wurzeln. Heute gibt es bei der Austria immer wieder Probleme mit Rechtsextremen. Was denkst Du darüber?
Früher habe ich für Vereine einfach gespielt und in meiner Jugend war ich auch Fan des SV Ried, wie jeder bei uns in der Gegend. Ich habe eigentlich erst bei der Austria damit begonnen, mich auch mit der Geschichte des Vereins auseinanderzusetzen. Und gerade, wenn ich mir die Geschichte der Austria ansehe, dann ist es wirklich absurd, dass es bei diesem Verein rechtsextreme Fans gibt.
Ich denke, es war sehr gut, dass der Verein einer rechtsextremen Fangruppe den Status als Fanclub aberkannt hat und dass ein großer Teil dieser Leute aus dem Stadion rausgeworfen wurde. Doch es gibt sicherlich noch weiterhin viel zu tun. Eine klare Botschaft gegen Diskriminierung muss natürlich im Statut verankert werden. Und dann muss das natürlich auch mit Leben gefüllt werden und der Verein sollte sich immer klar positionieren.Es gibt ja auch rund um den Verein genug Leute, die innovative Ideen haben, wie wir mit diesem Problem umgehen können. Alle gemeinsam werden wir sicherlich gute Lösungen finden.

Es gibt ja bei der Austria auch Widerstand gegen Rechtsextremismus aus der Fanszene, etwa von der Initiative „Ostkurve statt Ustkurve. Wie stehst Du zu solchen Initiativen?
Gerade das Engagement durch die Fans ist wichtig. Ich begrüße solche Initiativen also sehr. Wir dürfen hier nicht müde werden, sondern müssen gegen Rechtsextremismus auftreten, egal ob am Sportplatz oder außerhalb.
Notwendig wäre auch die Zivilcourage am Platz. Wenn also etwa einer eine dumme Meldung schreit, dann wäre es gut, wenn andere Fans sich umdrehen und sagen, dass sie das nicht wollen. Ich weiß schon, das ist nicht immer so einfach, doch es wäre ein wichtiger Schritt, wenn andere Fans diesen Leuten klarmachen würden, dass so etwas im Stadion keinen Platz hat.

Am Fußballplatz fällt mir immer wieder auf, dass die gleichen Fans zuerst Gegner rassistisch beschimpfen und dann eigenen Spielern mit Migrationshintergrund zujubeln.
Absurd. Das sagt alles. Nichts hinzuzufügen.

Wie ist es eigentlich in den Kabinen und unter den Fußballern? Gibt es hier ein Bewusstsein für Diskriminierung?
Da hat sich sicherlich vieles positiv verändert, seitdem ich mit meiner Profikarriere begonnen habe. Rassismus ist in den Kabinen eigentlich kein Thema mehr. Dafür ist der Sport auch zu international zusammengesetzt. Aber natürlich habe ich oft genug diskriminierende Äußerungen gehört. Fußball ist eben ein Spiegel der Gesellschaft und damit sind auch die Spieler ein Spiegel der Gesellschaft.

DSCN0941

Bei den kleineren Wiener Vereinen, also beim Sportclub und der Vienna, gibt es klar definierte „linke“ Kurven und diskriminierende Äußerungen sind in dort nicht erwünscht. Ein Vorbild?
Insgesamt finde ich es sehr gut und nachahmenswert, wenn eine Kurve auf Diskriminierung verzichtet. Es ist aber sicherlich immer noch etwas zu tun. Ich selbst habe am Sportclub-Platz auch schon die eine oder andere ungute Meldung mitbekommen. Doch der Ansatz hat auf jeden Fall Vorbildwirkung. Traurig ist allerdings, dass so etwas heutzutage noch Vorbildwirkung haben muss und nicht selbstverständlich ist.

Du engagierst dich ja auch in der Spielergewerkschaft, bist einer der drei Sprecher in Österreich …
Das stimmt. Anders als es oft dargestellt wird, gibt es in Österreich nur ganz wenige Spieler, die wirklich ausgesorgt haben. Das sind vielleicht drei Prozent aller Profis; die meisten davon sind Legionäre oder arbeiten in Salzburg. Im Gegensatz dazu gibt es aber sogar in der obersten Spielklasse noch Spieler, die finanziell gerade einmal über die Runden kommen.
Für uns geht es aber nicht nur um die Gehälter, sondern auch um die Arbeitsbedingungen, bei denen wir uns für Verbesserungen einsetzen. Und natürlich geht es auch darum, nicht nur als Spieler, sondern auch als Mensch wahrgenommen zu werden. Wir haben selbstverständlich auch gute und schlechte Tage, wir haben private Sorgen und Nöte, die natürlich auch auf unser Spiel abfärben.

Womit beschäftigt sich Manuel Ortlechner, wenn er nicht am Fußballplatz steht?
Natürlich sehr viel mit meiner Frau und mit Freunden. Was meine Hobbys betrifft, genieße ich schöne Dinge, etwa Fotografie, Architektur und Mode. Musik macht mir ebenfalls viel Freude – ich durfte ja auch bereits als DJ auftreten, mal sehen, ob sich das wieder mal ergibt
Vor allem Fotografie finde ich großartig, ich fotografiere dabei sehr gern schwarz-weiß und habe auch eine eigene Homepage. Ich bin insgesamt ein Freund von Reduktion; es muss nicht überladen sein. Von meiner Prämie aus der Champions-League habe ich mir eigentlich nur eine neue Kamera gekauft. Es soll auch bald einmal eine Ausstellung mit Bildern von mir geben. Das Geld wird übrigens selbstverständlich für einen guten Zweck gespendet.
Ich lese auch sehr gern. Ich will mich nicht nur auf Fußball reduzieren, sondern auch den Kopf frei bekommen, indem ich mich auf andere Dinge konzentrieren. Ich studiere ja auch neben dem Spielen: Wirtschaftswissenschaften an der WU Wien. Aber selbstverständlich liegt der Fokus für mich derzeit auf dem Platz.

Denkst du, du hast Vorbildwirkung?
Selbstverständlich habe ich die. Auf dem Fußballplatz und auch außerhalb. Es geht doch immer um Fairness und um Respekt. Wenn wir als Team etwa einen fairen Umgang miteinander und mit dem Gegner vorleben, dann vermitteln wir damit auch eine Botschaft. Wenn ich etwa Issiaka Ouédraogo von Admira Wacker foule, dann helfe ich ihm danach hoch und entschuldige mich. Auch das ist eine sehr klare Botschaft gegen Rassismus und Diskriminierung.
Auf dem Fußballplatz wollen 22 Leute dasselbe. Ich muss nicht ausfällig werden, sondern ich spiele für mein Team. Wenn ich Mist baue, dann entschuldige ich mich. Wenn zwei Leute streiten, gehe ich dazwischen. Und wenn dann der Ball kommt, dann kämpfe ich wieder. Wie gesagt, es geht um Respekt.
Ich versuche aber auch außerhalb des Platzes, meinen Namen positiv zu nutzen. Allein jetzt um Weihnachten herum bin ich einige Male irgendwo Punsch ausschenken. Immer, wenn meine Zeit es zulässt, dann versuche ich, zu unterstützen. Auch wenn ich interviewt werde, versuche ich immer, meine Message mitzugeben. Ich versuche also, die Plattformen zu nutzen, die sich bieten.

Danke für das Interview!

Text und Interview: Michael Bonvalot / Fotos: Michael Bonvalot



Comments