Miss Candy

Ich will mit Freude und Liebe Vorurteile ausräumen


Mit dem wöchentlichen „Heaven Club“ im Meidlinger U4 hat Holger Thor Anfang der Neunziger Jahre angefangen, Wien gesellschaftspolitisch wachzurütteln. Als schillernde und extrovertierte Drag Queen Miss Candy trat er in High Heels und Glitzermini von Anbeginn an gegen Vorurteile und für Gleichberechtigung, Toleranz und Akzeptanz ein und bot der damals noch sehr losen queeren Szene mit seinen schnell legendären Parties erstmals eine massentaugliche Plattform. Mittlerweile ist Miss Candy längst zur Kultfigur avanciert. Wo auch immer sie auftritt, wird der rote Teppich ausgerollt und das Blitzlichtgewitter entfacht. So vor allem beim jährlichen Rosenball, der „kleinen Schwester“ des Opernballs, der sich bereits seit 1992 als Fixtermin im Wiener Ballkalender bezeichnen darf. Als das U4 schließlich vorübergehend schließen musste, jedoch ohnehin langsam zu klein geworden wäre für die glamourösen Festivitäten, zog die Rosenballgesellschaft im Jahr 2007 ins Palais Auersperg um.

Nachdem auch das Palais Auersperg die immer größer werdende Nachfrage nach den begehrten Tickets nicht mehr decken konnte, findet der Rosenball heuer erstmals im Kursalon im Stadtpark statt. Obwohl die Party wohl schillernder denn je ausfallen wird, die Gäste aufregender fast nicht mehr sein könnten, betont Holger Thor immer wieder die eigentliche, gesellschaftspolitische Message hinter der Veranstaltung. Es geht um den Abbau von vorgefassten Meinungen, um das Aufheben von traditionellen, binären Geschlechter-Schemata, um das Bewusstmachen von Missständen, denen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle weltweit immer noch zu oft ausgesetzt sind.

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Weil Miss Candy aber nicht die sein will, die dafür mahnend ihren schlanken Zeigefinger erhebt, sondern ihre Anliegen lieber künstlerisch in Performance und Party verpackt, ist der Rosenball etwas so Einzigartiges im österreichischen und wahrscheinlich auch im internationalen Nachtleben. Die Politikerin Heide Schmidt bezeichnete Miss Candys Schaffen einmal als „Politik machen durch Party“.

Am 12. Februar findet der Rosenball zum mittlerweile 24. Mal statt. Als Inspiration dient nach dem alten Hollywood-Sujet vergangenes Jahr heuer „Diwali“, das indische „Fest des Lichtes“ mitsamt seiner farbenfrohen Gottheiten. Ans Aufhören denken weder Holger Thor noch Miss Candy. Ihr längerfristiges Ziel ist nämlich der Weltfrieden. Im Interview scheint dieser zumindest theoretisch gar nicht so weit entfernt.

Wie-Wir-Wollen.at: Wer ist Miss Candy?
Holger Thor: Das musst du sie fragen (lacht). Candy steht immer schon für das Aufheben der angestemmten Geschlechterrollen. Nicht immer ist alles so, wie es aussieht. Nur weil du ein Mann bist, heißt das noch lange nicht, dass du dich zu verhalten hast wie ein Mann, dass du dich hinzusetzen und dich anzuziehen hast wie ein Mann. Als Frau ebenso wenig. Solche Ansichten sind in diesen Breiten hier oft stark von der katholischen Kirche geprägt und meiner Meinung nach sehr verquer. Ich bin kein Feind von Religion oder vom Glauben. Es ist wahrscheinlich sogar gut, an etwas zu glauben. Religion muss also nicht unbedingt negativ sein, aber welche Blüten sie treibt, ist oft bedenklich.
Ich finde, es sollte jedem Menschen zugestanden werden, so zu leben, wie er ist, sofern er niemand anderem wehtut und in niemand anderes Tanzbereich eindringt. Es sollte jedem möglich sein, sich zu entfalten und toleriert zu werden. Dafür steht Candy. So gesehen hat sie eine Kunstfigur entwickelt, die sich durch ihre Extrovertiertheit und ihre mediale Präsenz selbst einen gesellschaftspolitischen Auftrag auf die Fahnen geschrieben hat. Ich denke, wenn man so viele Zuschauer hat, dann hat man die Verpflichtung, etwas Positives anzubringen, egal, ob es jetzt ankommt oder nicht. Es kommt aber in vielen Fällen an und das ist schön.

Du meintest „solange man in niemandes Tanzbereich eindringt“ – ist es nicht manchmal auch notwendig, jemandem auf die Füße zu treten?
Ja, schon. Ich meine eben, solange man niemandem wehtut und seine Lebensweise niemandem aufdrängt. Man kann es ja auch in die andere Richtung übertreiben. Ich greife zum Beispiel niemanden an, weil er das klassische Familienbild lebt und leben will. Das ist super. Das heißt aber nicht automatisch, dass auch andere so leben müssen.

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Provokation ist aber doch auch ein Mittel, das Miss Candy für sich nützt.
Auf jeden Fall. Provokation ist gut. Damals vor 20 Jahren war schon alleine der Umstand, überhaupt als Candy aufzutauchen, eine Provokation. Oder eben als Mann wie eine Frau auszusehen war und ist eine Provokation für manche Leute. Für manche auch nicht. Man muss teilweise auch anecken und provozieren, um eine Öffentlichkeit zu erreichen und um den Menschen einen Anstoß zu geben, einen Schritt zur Seite zu gehen und die Dinge auch einmal anders zu sehen. Und was überhaupt für das ganze Leben gilt – ein bisschen mehr Einfühlungsvermögen wäre wünschenswert. Dinge nicht nur aus der eigenen Warte zu sehen, sondern auch einmal aus der Warte der anderen. Das betrifft so viele Themen. Das ist nicht nur eine Sache von schwul, hetero, lesbisch. Das ist viel globaler und allgemeiner.
Ich mag ja das Wort Toleranz nicht so gern. Ich will nicht toleriert werden. Es ist schon ein Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz. Dafür ist der Rosenball eben ein schönes Beispiel. Dass da so viele unterschiedliche Leute zusammenkommen.
Vor ein paar Jahren stand beim Rosenball im Foyer so ein uraltes Ehepaar da, geschätzte 75 Jahre alt. Ich habe eine Mitarbeiterin hingeschickt, damit sie fragt, ob die beiden überhaupt wissen wo sie hier sind. Es hätte ja sein können, dass es Touristen waren, die auf einen anderen Ball gehen wollten. Österreich ist ja bekannt für seine Ball-Saison. Die haben sich vielleicht den Ballkalender angeschaut, Rosenball gelesen und sich diesen ausgesucht. Ich wollte ihnen halt ersparen, dass sie sich auf so einer Party wiederfinden, wenn sie eigentlich auf einen klassischen Ball gehen wollten. Dann waren das Hamburger, die den Ball aus dem Fernsehen kannten. Das nächste Mal habe ich die beiden um halb vier auf der Tanzfläche gesehen. Ist das nicht geil? Und genau das ist der Rosenball. Da tanzt die Prostituierte neben dem Bankdirektor, der Müllmann neben dem Finanzbroker und wie du siehst stehen Weltkonzerne hinter der Sache. Das ist schön.
Insofern hat der Rosenball schon etwas bewegt in den Köpfen der Leute. Die Vizepräsidentin des Europa-Parlaments war auch einmal da und hat gesagt, dass Miss Candy viel bewegt hat in der Gesellschaft. Da sind wir schon ein bisschen stolz darauf.

Ist Österreich mittlerweile ein Vorbild in Sachen Gleichberechtigung und Gleichstellung?
Wir sind nicht das Schlusslicht. Ich glaube, dass die Gesellschaft weiter ist als die Politik, das ist ja das Tragische eigentlich. Aber gerade in letzter Zeit häufen sich wieder Vorfälle, die mich nachdenklich stimmen und mich in dem Ansatz, neben der ganzen Party auch immer wieder auch diesen gesellschaftspolitischen Aspekt hochzuhalten, bestärken. Es gibt immer einen Ansporn, weiterzumachen.

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Was hat Conchita Wurst in den letzten Monaten zu einem offeneren Mainstream-Österreich beigetragen?
Ich glaube auf jeden Fall, dass sie etwas bewegt hat. Conchita ist ja auch schon lange beim Rosenball dabei, sie hat nicht erst angefangen mit dem Songcontest. Ich bin auch sehr froh, dass sie als Teil der „next generation“ kam, als Nachwuchs quasi, wie auch Tamara Mascara. So muss ich das die nächsten 30 Jahre nicht alleine weiterführen (lacht). Aber Conchitas Sieg war auf jeden Fall ein starkes Signal weltweit. Eben auch für den Mainstream. Sie hat natürlich auch polarisiert und wieder viele Gegenstimmen hervorgerufen, aber zumindest wurde darüber gesprochen und diskutiert und es gab einen Austausch. Bewegung ist gut. Und notwendig. Es kann sich nichts ändern, wenn die Dinge so bleiben wie sie sind.

Apropos, Nachwuchs. Versteht sich die queere Szene heute immer noch als eine, die ein Zeichen setzt, ein Statement ist?
Das hat sich natürlich auch alles verändert. Früher waren wir mit dem „Heaven“ ja wie Monopolisten – im positiven wie im negativen Sinne. Es blieb einem einfach nichts anderes übrig, als Schwuler ins „Heaven“ zu gehen. Die queere Szene, wie du sagst, gab es ja damals noch nicht als so eine in sich geschlossene Community. Man kann das heute aber auch nicht mehr so stark trennen, Gott sei Dank. Man kann auch zum Rosenball nicht sagen, dass das ein schwuler oder ein nicht schwuler Event ist. Das ist ja auch das Ziel der ganzen Bewegung.

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Der Rosenball ist am selben Abend wie der Opernball. Warum?
Das ist folgendermaßen entstanden. Der Ursprung des Rosenballs ist ja der „Heaven Club“. Der war immer am Donnerstag im U4, da war nämlich gay night. Der Opernball ist auch immer an einem Donnerstag. Das lag dann natürlich sehr nahe. Der Opernball ist ja die Mutter aller Bälle und abgesehen von dem gesellschaftspolitischen Statement, sieht sich der Rosenball auch als eine Hommage oder eine Persiflage an die österreichische Ballkultur. Das kann man sehen, wie man will. Was ich nicht mag und eine reine Erfindung der Medien ist, ist der Begriff der Gegenveranstaltung. Der Rosenball hat sich nie als eine Gegenveranstaltung gesehen.
Dazu gibt es auch eine nette Geschichte. Die Desirée Treichl-Stürkh hat es sich einmal nicht nehmen lassen, nach dem Opernball dem Rosenball noch einen Besuch abzustatten. Seitdem hat es sich so eingebürgert, dass es am Tag der Bälle immer einen SMS-Verkehr zwischen uns Ball-Muttis gibt, in dem wir uns gegenseitig viel Glück wünschen.

Der Opernball hält das Konzept der Tradition sehr hoch. Was assoziierst du mit Tradition?
Tradition muss nichts Schlechtes sein. Es gibt auch beim Rosenball Traditionen. Die Eröffnungs-Polonaise, die zwar wieder eine Persiflage ist, ist trotzdem auch schon zur Tradition geworden. Den Programmpunkt wird es immer geben. Danach kommt dann Miss Candy raus und sagt „Alles Walzer!“ Dann tanzen alle Donauwalzer. Damit ist zwar Schluss mit dem Walzer, aber das ist eben auch schon eine Tradition. Es gibt zwar auch eigenartige Traditionen, aber prinzipiell müssen sie nichts Schlechtes sein.

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Was willst du in den nächsten 25 Jahren erreichen?
Überleben! Gesund bleiben! (lacht.) Dinge weiterbewegen. Und eigentlich klingt es total blöd, aber Weltfrieden. Die Menschen sollen respektvoller miteinander umgehen. Wenn man das dann auf alles ausstrahlt, dann würde das so Vieles leichter machen. Das fängt in der Familie und in der Schule an und endet damit, wie Länder miteinander umgehen. Das Wort ist so überstrapaziert, aber eigentlich ist es gar nicht so weit hergeholt.

Danke für das Interview!

Text und Interview: Nicole Schöndorfer, Fotos: Markus Morianz



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