NACHBARINNEN

Wir wollen Familien mit Migrationshintergrund helfen


Der Umzug in ein neues Land bringt viele Herausforderungen mit sich. Es gibt Sprachbarrieren, die Kultur ist eine andere und vor allem zu Beginn ist es schwer, sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Die NACHBARINNEN haben es sich zur Aufgabe gemacht Frauen aus dem Ausland bei der Integration zu unterstützen. Frauen mit türkischer, tschetschenischer, arabischer und somalischer Muttersprache helfen isolierten Familien bei Behördengängen, geben Frauen und Kindern Mut und stehen ihnen mit ihrem Know-How zur Seite.

Die Familien werden von den NACHBARINNEN begleitet, um sie so in die sozialen Strukturen einzuführen und sie bei der Umsetzung ihres Lebensplanes zu unterstützen. Die Intitiatorin des Projektes, Christine Scholten, erklärt uns wie es zu den NACHBARINNEN kam, welche Hilfestellungen sie leisten und welche Schwierigkeiten sie im Zuge ihrer Arbeit stoßen.

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Wie kam es zur Entstehung eures Projektes?
Christine Scholten: Renate Schnee und ich haben in unserer Arbeitswelt immer dieselben Erfahrungen gemacht: Wir haben die Unfreiheit von Frauen gesehen, die hier bei uns leben, aber natürlich in ihrer traditionellen Welt weitergelebt haben. Das wollten wir verändern, wir wollten den Frauen und den Kindern Selbstbestimmung näher bringen und aufzeigen, dass man sich selbst Ziele setzen kann, weil unsere Welt eine freiere Welt ist.

Was sind die Aufgaben einer Nachbarin?
NACHBARINNEN stellen den Kontakt zu isoliert lebenden Familien mit Migrations- oder Flüchtlingshintergrund in unserem Land her. Sie haben den Zugang, weil sie aus dem jeweiligen Land kommen, die jeweilige Sprache sprechen und aus derselben Tradition kommen. Ihre Aufgabe besteht im Empowerment. Sie stärken die Frauen, aber auch die Kinder und Männer, sodass diese durch diese Hilfe zur Selbsthilfe ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Seit wann gibt es euch?
Seit Herbst 2012.

Wie funktioniert das Projekt?
Frauen wurden zu sozialen Assistentinnen ausgebildet und dann als solche beim Verein angestellt. Die NACHBARINNEN arbeiten zwischen 20 und 30 Wochenstunden, je nach eigenem Wunsch und begleiten parallel zwischen 5 und 10 Familien, solange, bis diese sich selbst bei uns zurecht finden.

Auf welche Hindernisse stößt ihr oft?
Es sind oft zähe und lange Verhandlungen mit den Familien, um zu erreichen, dass lange Jahre erlernte Gewohnheiten durchbrochen werden, dass Wertigkeiten anders gesetzt werden, dass zum Beispiel auf die Ausbildung der Kinder wirklich geschaut wird. Dass eine Frau, wann immer sie möchte, das Haus verlassen darf, um für sich selbst Dinge zu tun, wie Bildungsangebote anzunehmen, eine Arbeit anzunehmen etc.

Haben sich eure Aufgaben in den letzten Jahren geändert? Wurden manche Dinge einfacher oder schwieriger?
Es ändert sich alles pausenlos, wie in allen engagierten Projekten. Wir haben zum Beispiel ursprünglich ausschließlich mit meist seit vielen Jahren hier lebenden migrantischen Familien zu arbeiten begonnen, jetzt haben wir, sicher zur Hälfte Familien, die aus Kriegsgebieten fliehen mussten und gerne hier leben möchten.

Woran scheitert es am meisten dass Menschen ordentlich integriert werden?
Wir denken schon, dass es oft am muttersprachlichen Zugang und am Unverständnis gegenüber den jeweiligen Kulturen liegt. „Beim Reden kommen d’Leut zam“ heißt es doch immer in Wien. Die NACHBARINNEN reden von Frau zu Frau, von Landsfrau zu Landsfrau, sie verstehen und werden verstanden, nicht nur sprachlich sondern auch kulturell. Sie können dadurch viel mehr bewegen als eine auch noch so engagierte österreichische Sozialarbeiterin, der schon aus Angst verschiedenster Ursachen sehr skeptisch gegenübergetreten wird.

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Welche Geschichten berührten Sie bisher am meisten?
Davon gibt es so viele, da kann ich mich nicht entscheiden. Kinder, die plötzlich wieder in der Regelschule sitzen, statt aus sozialen Gründen in der Sonderschule und dadurch eine neue Chance im Leben haben. Frauen, die nach eingehender Beratung ihre Töchter plötzlich doch nicht beschneiden lassen wollen. Frauen, deren Augen leuchten, weil sie ihr eigenes Geld verdienen dürfen … es gibt ganz viele, ganz wunderbare Geschichten.

Welches Gefühl bekommt man, wenn man sieht, dass sich eine Familie wunderbar integrieren konnte?
Ein ganz feines, warmes, erfülltes Herz, wenn es so ist, dass Integration einen Mehrwert für beide Seiten brachte.

Wie tretet ihr vor allem an eher zurückgezogen lebende Familien heran?
Wir treten nur an isolierte Familien heran, nur diese Familien brauchen uns, das machen die NACHBARINNEN auf ganz natürliche Weise, indem sie die Frauen auf öffentlichen Plätzen mit alltäglichen Fragen ansprechen. Viele Familien werden inzwischen auch an uns vermittelt, entweder durch bereits begleitete Familien oder durch Schulen oder Ämter. 

Wie vielen Familien konntet ihr schon helfen?
Derzeit etwa 300 Familien seit September 2013.

Mit welchen anderen Institutionen arbeitet ihr zusammen?
Mit sehr vielen Institutionen, alle, die sich ergänzend um diese Familien kümmern zum Beispiel.

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Gibt es eigentlich Menschen, die eurem Projekt negativ gegenüberstehen? Wenn ja, wie geht man mit so jemandem um?
Ja gibt es, meist politisch motiviert. Der Umgang ist sachlich informativ.

Wie können wir, also Menschen die schon lange oder schon immer in Österreich leben, Menschen helfen, sich hier wohl zu fühlen und sich ins System einzugliedern?
Wir tun das durch unsere Arbeit, das heißt durch motivierendes Herausfordern zu eigenem Mittun in unserer Gesellschaft.

Mir ist aufgefallen, dass Menschen aus dem Ausland den öffentlichen Raum (Spielplätze, Parks) eher nützen als Österreicher. Woran kann das liegen?
Das kommt darauf an, in welche Parks sie gehen denke ich, ich glaube nicht „eher nützen“ sondern „anders nützen“.

Welche Ziele würden Sie in den nächsten Jahren gerne erreichen?
Dass sich das Projekt so gut weiterentwickelt, in allen ständig neuen Facetten. Dass die finanziellen Mittel reichen, die Arbeit so fortzuführen, dass das Projekt eine Stabilität bekommt, die es erlaubt, in größerem Rahmen in Österreich betrieben zu werden.

Text: Isabella Khom, Fotos: Mit freundlicher Genehmigung der NACHBARINNEN



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