myfoodsharing.at

Wir wollen unser Essen teilen und nicht wegwerfen


Dass Zahlen schockieren können, ist nichts Neues. Eine dieser Zahlen ist 157.000. So viele Tonnen an angebrochenen oder sogar original verpackten Lebensmitteln werden von österreichischen Haushalten jährlich weggeschmissen. Dass Essen im Müll landet, passiert leider viel zu schnell. Man fährt über das Wochenende weg und hat davor zu viel eingekauft, hat mehr gelagert, als man verbrauchen kann, oder lässt sich vom Mindesthaltbarkeitsdatum abschrecken. Die Internetplattform myfoodsharing.at möchte dieser zunehmenden Lebensmittelverschwendung nun entgegenwirken.

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Unter myfoodsharing.at kann man sich anmelden und ein Profil erstellen. Sobald man sich die Regeln durchgelesen hat, kann man dann auch schon beginnen, sich seine Essenskörbe zu befüllen oder auch nachsehen, was andere Benutzer gerade teilen. So können Massen an noch verwertbaren Lebensmitteln gerettet werden, während man anderen Menschen mit vermeintlichem Müll eine Freude macht.

Wir haben uns mit Sophie Bachmann getroffen, die sich aktiv auf der Plattform myfoodsharing.at engagiert und mit ihr über das Projekt gesprochen.

Wie kam es zu der Idee von foodsharing?
Sophie Bachmann: Angefangen hat das Ganze eigentlich mit dem Kinofilm „Taste the Waste“ von Valentin Thurn. Er hatte die Idee – beziehungsweise hat das Problem erkannt –, dass zu viel weggeschmissen wird; dass zu viele Lebensmittel verschwendet werden, obwohl sie noch genießbar sind und man sie noch benützen kann. Da sein Film große mediale Aufmerksamkeit bekommen hat, hat er dann eine Website aufgebaut, auf der Privatleute ihr überschüssiges Essen eintragen können, damit es von privat zu privat weitergegeben werden kann. So kann der Lebensmittelverschwendung entgegengewirkt werden. Am 12.12. feiert foodsharing bereits seinen zweiten Geburtstag.

Generell oder in Österreich?
Generell. In Österreich gibt es foodsharing seit zirka einem Jahr. Am 12.12. treffen sich alle Organisatoren und Organisatorinnen in Köln und machen einen foodsharing-Flashmob auf der Domplatte.

Wie sieht das genau aus? Nimmt jeder Essen mit, das dann vor Ort getauscht wird?
Genau. Das Organisationsteam von foodsharing hat die Leute dazu aufgerufen, ihre überschüssigen Lebensmitteln mitzubringen, dort zu sammeln und dann zu teilen.

Kann man sich das wie eine Art Markt vorstellen?
Ja, aber mit dem Unterschied, dass dort nichts verkauft wird. Jeder bringt hin, was er nicht mehr braucht, und nimmt mit, was er gebrauchen kann. Die Idee von foodsharing hat sich schnell verbreitet und es gibt sehr viele Leute, die das gut finden, sich dafür begeistern und sich auch engagieren möchten. Jeden Tag gibt es mehr Anmeldungen, auch auf Facebook liken immer mehr Menschen die foodsharing-Seite. Das Konzept kommt definitiv gut an.

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Die Leute reagieren also durchwegs positiv auf das Projekt?
Ja, auf jeden Fall. Natürlich gibt es auch immer Leute, die sagen, sie möchten keinen vermeintlichen Müll oder keine Lebensmittel, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, essen. Es gibt eben Leute, die da etwas vorsichtiger sind. Aber die meisten finden es gut.

Warum glaubst du, kommt Teilen und Tauschen im Moment wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen?
Wir leben in einer Überflussgesellschaft, in der wesentlich mehr produziert wird, als wir verbrauchen können. Außerdem wird alles immer schneller und auch unpersönlicher. Ich denke, die Menschen wünschen sich in der heutigen Zeit auch mal wieder Erlebnisse, die diesen Entwicklungen entgegenwirken – einen eigenen Beitrag gegen Verschwendung zu leisten, etwa, aber auch jemand anderem zu helfen, die Nähe zu anderen Menschen zu spüren. Ich habe etwas, das jemand anderes gut gebrauchen kann, also gebe ich es her. Das ist ja auch ein sozialer Akt, der da passiert. Die Städte werden immer größer und auch die Leistung, die man erbringen muss, wird immer höher – da empfinden wir es als etwas sehr Angenehmes, wenn wir jemandem etwas schenken können oder etwas empfangen können, ohne eine Gegenleistung schuldig zu sein.

Bei foodsharing spielt die soziale Komponente also auch eine große Rolle, oder?
Auf jeden Fall. Das wichtigste Ziel ist es natürlich, die Lebensmittelverschwendung einzudämmen, aber auch der soziale Aspekt ist wichtig. Auch die durch das Teilen entstehende Gemeinschaft wird gut aufgenommen. Ich glaube, viele Leute sind bei foodsharing dabei, weil sie andere Menschen treffen können, die ähnliche Ansichten und Ziele wie sie selbst haben.

Gibt es mehr Privatpersonen oder mehr Händler, die eure Plattform nützen?
foodsharing.at wird mehr von Privatpersonen genützt, aber die Plattform wendet sich nicht nur an Privatpersonen, sondern auch an Händler und Produzenten. Wir organisieren auch Möglichkeiten dafür, dass Privatpersonen an Händler herantreten. Ich habe auch schon öfter gesehen, dass Händler auf foodsharing zukamen. Das wird immer mehr.

Was glaubst du, warum so viele Händler immer noch lieber essen wegschmeißen, als es herzugeben?
Das Bewusstsein gegen Verschwendung ist noch nicht bei jedem angekommen – aber dieses zu fördern, ist eines der Dinge, die wir erreichen wollen. Supermärkte präsentieren uns einen unglaublichen Überfluss an Lebensmitteln und das Problem ist, dass man den anfallenden Müll dahinter nicht sieht. Das findet alles im Verborgenen, in Räumen statt, die man nicht betreten darf. Wenn das sichtbarer wäre, würde sich da vielleicht leichter etwas ändern. Ich war einmal in einem Supermarkt und dort stand ein Einkaufswagen mit all dem, was die Mitarbeiter aussortieren mussten, und ich habe gleich gefragt, ob man da vielleicht etwas machen kann. Mit den großen Ketten stehen wir allerdings noch am Anfang – aber auch das wird immer besser.

Tretet ihr auch selbst an die Händler heran?
Ja, durch die Internet-Plattform lebensmittelretten.de – die Freiwilligen-Plattform von foodsharing, auf der sich Personen vernetzen können, die aktiv Lebensmittel retten wollen. Diese Leute werden dann zu Foodsavern und bilden Gruppen, die an die Händler herantreten und sicherstellen, dass jeden Tag eine oder auch mehrere Personen das übriggebliebene Essen abholen.

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Weißt du, wie viele Lebensmittel in Österreich pro Jahr weggeschmissen werden?
Um die 157.000 Tonnen.

Wow, und wie viel konnte durch foodsharing schon gerettet werden?
Wir haben in Österreich schon 19.712,64 Kilo gerettet. Jeder angemeldete User kann selbst sehen, wie viel er schon gerettet hat. Bei uns im Team gibt es Foodsaver, die schon über 5.000 Kilo Lebensmittel gerettet haben.

Glaubst du, dass sich das Konsumverhalten der Menschen ändern wird?
Ich hoffe es auf jeden Fall und ich glaube es auch. Das Angebot an Lebensmitteln kann kaum noch größer werden und ich kann mir nicht vorstellen, dass man es schaffen kann, noch mehr zu verschwenden. Ich denke, daran, dass foodsharing gerade so groß wird und so viele Leute mitmachen möchten, sieht man, dass die Zeit reif ist, etwas zu tun. Ich glaube, die Leute werden sich bewusster darüber, dass es so nicht weitergeht – was auch notwendig ist. Wir müssen uns endlich aktiv mit unserem Konsumverhalten auseinandersetzen. Das Thema kann nur noch aktueller werden. Wir werden immer mehr Menschen und es gibt immer weniger Ressourcen.

Was ist eure Aufgabe bei foodsharing? Kontrolliert ihr die Lebensmittel, die getauscht werden?
Wir stellen die Plattform dafür, damit das Tauschen und Teilen überhaupt funktionieren kann. Irgendwie müssen die Leute, die Lebensmittel abgeben oder abholen möchten, zusammenfinden und das stellen wir sicher. Es gibt keine Kontrollen, alles basiert auf Vertrauen. Aber natürlich gibt es Regeln, was abgegeben werden darf und was nicht.

Gibt es oft herausfordernde Situationen? Wenn so viele Menschen zusammenkommen, kann es schon mal schwierig werden, oder?
Es gibt immer wieder Fälle von Leuten, mit denen das Arbeiten schwierig ist. Es gibt Foodsaver, die wollen die Welt retten, und es gibt auch Foodsaver, die haben schlichtweg Hunger und freuen sich über kostenloses Essen, und diesen Spagat zu schaffen, ist manchmal nicht ganz leicht. Auf der einen Seite gibt es Leute, die zu viel haben, und auf der anderen Seite gibt es Leute, die brauchen ganz dringend mehr. Es ist zwar nicht das primäre Ziel von foodsharing, Bedürftige zu unterstützen, aber natürlich passiert das nebenbei, und Leute, die Hunger haben, sollen natürlich auch nicht ausgeschlossen werden. Ganz im Gegenteil. Aber es ist nicht so einfach, diese beiden Gruppen sehr verschiedener Menschen zu organisieren und Gerechtigkeit zu schaffen. Gerade das Bedürfnis nach Gerechtigkeit ist auf beiden Seiten groß. Und so kommt es manchmal zu Diskussionen, Streit oder Futterneid. Es kann eben sein, dass die Instinkte durchschlagen, wenn es um Lebensmittel geht.

Welche Lebensmittel werden besonders oft hergegeben?
Wir bekommen sehr viel Brot. Dieses Grundnahrungsmittel wird am meisten produziert und auch am meisten weggeschmissen. Es ist eine sehr kurzlebige Ware. Brot hält sich nicht lange frisch und die meisten Kunden stellen leider immer noch den Anspruch, immer frisches Brot kaufen zu können, auch kurz vor Ladenschluss. Das sieht man auch bei den Discountern, die jetzt ihre eigenen Brotback-Automaten haben. Brot und Backwaren werden am meisten weggeschmissen – was aber symbolisch ganz gut passt. Unser täglich Brot landet leider sehr oft im Müll.

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Welche Menschen nützen eure Plattform?
Menschen, die idealistisch sind, die bewusst leben; sehr viele Menschen, die sich vegan und nachhaltig ernähren; aber auch Personen, die wenig Geld haben oder am Existenzminimum leben. Außerdem Organisationstalente, also Menschen, die gerne organisieren und denen es Freude macht, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Und auch Menschen, die Interesse daran haben, sich intergenerationell und mit verschiedenen Menschengruppen auseinanderzusetzen. Am Ende vereint aber doch die meisten dieser Menschen das Bewusstsein dafür, dass zu viel weggeschmissen wird.

Welche Menschen schmeißen besonders viele Lebensmittel weg?
Eine spannende Frage, damit habe ich mich noch nicht auseinandergesetzt. Ich denke, vor allem Personen, bei denen noch keine Bewusstseinsbildung in Bezug auf Lebensmittelverschwendung stattgefunden hat. Dazu müsste man mal eine Studie machen. Wir könnten ja einmal eine in Auftrag geben.

Wie viele Mitglieder habt ihr?
In Wien haben wir momentan 470 Foodsaver. Es sind 202 Betriebe angemeldet, davon haben wir mit 70 laufende Kooperationen. Die anderen Betriebe haben gesagt, dass sie nicht kooperieren wollen oder keine Lebensmittelabfälle produzieren. Es sind also noch mehr Betriebe, die nein sagen. Leider. Man fragt sich warum, denn es hat auch für die Betriebe große Vorteile, ihre überflüssigen Lebensmittel zu teilen, anstatt sie wegzuwerfen.

Wie tretet ihr an die Betriebe heran?
Meistens geht ein Botschafter oder eine Botschafterin hin und fragt, was der Betrieb mit dem Essen macht, das sie nicht verkaufen können, das aber eventuell noch essbar ist. Die meisten sagen zuerst, dass sie nichts wegschmeißen. Niemand mag es, wenn mit dem Finger auf sie gezeigt wird. Aber wir möchten keine Vorwürfe machen, sondern einfach eine tolle Alternative zum Wegschmeißen aufzeigen. Wir fragen also ganz lieb und erklären dann, was foodsharing macht und was die Vorteile für den Betrieb und für die Einzelperson sind beziehungsweise was mit den Lebensmitteln passiert. Die meisten Betriebe wollen, dass mit den Lebensmitteln etwas Gutes getan wird und dass sie bei Leuten ankommen, die sie gut gebrauchen können. Gleichzeit werden aber bestimmte Personengruppen in den Läden nicht gerne gesehen. Da wird es für uns schwierig. Deshalb gibt es mittlerweile Einführungsabholungen: Eine Person, die bei foodsharing aufgenommen wird, geht vorher drei Mal mit einem Botschafter essen abholen. Erst dann sieht man, ob es funktioniert. Wir hatten schon Fälle, bei denen Leute mit ihrem Hund und rauchend in den Laden gegangen sind oder bei denen Leute schon im Laden angefangen haben, alles zu essen. Wir müssen klar sagen, dass es bestimmte Regeln gibt, um die aufgebauten Kooperationen nicht wieder zu gefährden.

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Was hat es mit den foodsharing-Kühlschränken auf sich und wie viele gibt es in Wien?
Von diesen sogenannten Fair-Teilern gibt es in Wien schon acht: sechs öffentliche, also solche, die in Lokalen stehen, und noch zwei weitere, die von Privatleuten betrieben werden, zu denen auch jeder Essen bringen beziehungsweise von wo es abgeholt werden kann.

Wie beim offenen Bücherschrank also?
Genau. Jeder, der möchte, kann sich dann etwas herausnehmen oder etwas hineinlegen. Gewisse Sachen sollten aber nicht hineingelegt werden – wie etwa rohes Faschiertes. Das Ganze basiert auf Vertrauen. Die Person, die das Essen hineinlegt, muss sicherstellen, dass es noch genießbar ist, und auch die Person, die Lebensmittel herausnimmt, sollte alle Sinne nutzen, um das Essen vorm Verzehr zu prüfen. Wir haben zudem einen Botschafter, der sich um alle Kühlschränke kümmert, sie kontrolliert und sauber macht.

Was erhofft ihr euch für die nächsten Jahre?
Wir hoffen, dass die Menschen immer bewusster einkaufen gehen und dass weniger Müll produziert wird. Wir wünschen uns, dass in Zukunft Ressourcen gespart werden und dass wir es schaffen, unsere Umwelt nachhaltiger wahrzunehmen. Ich wünsche mir, dass die Welt durch foodsharing ein kleines bisschen besser wird.

Vielen Dank für deine Zeit!

Text und Interview: Isabella Khom, Fotos: Karo Pernegger



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